Huflattich-Geschichte

Huflattich-Geschichte

Zu einer Zeit im Erdenreich, als die Tage noch kurz und die Nächte noch lang währen, der Wald noch still und die Wiese noch braun ist, die Bäume noch kahl und die Blumen noch blütenlos bleiben, ruht die Erdenmutter. Sie hat sich zu Winterbeginn schlafen gelegt, gebettet in weiche Humuskrume, zugedeckt mit einer Laubschicht, behütet von einer Schneehaube.

Doch plötzlich kitzelt sie etwas. „Wer stört meinen Traum?“, fragt die Erdenmutter und rührt sich kaum. Ein feines Würzelchen hat sie gestreift. „Erdenmutter, warum ist alles so dunkel und still?“, kommt zaghaft von einem ihrer Pflanzenkinder. „Weil wir tief unter der Erde sind, es ist Winter. Gib Ruhe, Kindchen, der Frühling ist noch fern.“ Die Erdenmutter hat kein Auge aufgetan, ruckelt sich etwas tiefer in die Krume. Das Pflanzenkind aber will nicht länger ruhen und beschließt zu wachsen. Es will doch mal sehen, ob es über der Krume nicht hell ist.

Der Tag wird allmählich länger. Ein paar Raben krächzen heiser. Da bekommt die Erdenmutter einen sanften Stups. Eine kräftige Wurzel hat sie angestoßen. „Wer lässt mich nicht schlafen?“, fragt die Erdenmutter etwas ungehalten. „Erdenmutter, warum ist alles so braun und grau?“, fragt das Pflanzenkind. „Weil die Sonne nur fahl scheint. Gib Ruhe, Kindchen, der Frühling ist noch nicht da.“ Die Erdenmutter zieht sich, nachdem sie ein Augenlid leicht angehoben und wieder gesenkt, die Laubdecke zurecht. Das Pflanzenkind will überhaupt nicht mehr ruhen und reckt sein Stängelchen. Es will doch mal sehen, wie die Sonne scheint.

Der Bach plätschert munter. Die Vögel fangen zu singen an. Etwas rüttelt die Erdenmutter am Arm. „Wer weckt mich?“, fragt die Erdenmutter ziemlich ärgerlich. „Erdenmutter, die Sonne scheint, der Frühling ist da!“, ruft ihr das Pflanzenkind fröhlich zu. „So ein Unfug, es ist doch noch viel zu früh im Jahr. Gib Ruhe, Kindchen, der Frühling ist immer noch nicht gekommen.“, sagt die Erdenmutter und will sich die Schneehaube tief über die Augen ziehen. Aber, welch Erstaunen, das geht nicht. Die Schneehaube ist verschwunden, geschmolzen. Auch die Laubdecke ist dünn geworden. Die Erdenmutter seufzt und öffnet die Augen.

Das Pflanzenkind nickt ihr mit seinem Stängelchen munter zu. „Siehst du, Erdenmutter, es wird doch Zeit zum Erwachen! Schau wie die Sonne scheint.“ Spricht‘s, sammelt viele zarte Sonnenstrählchen, flechtet einen Kranz davon und setzt ihn sich aufs Köpfchen. „Ich helfe der Sonne, den Winter auszutreiben.“ Eine kleine Sonne strahlt der Erdenmutter entgegen. Die reibt sich den Schlaf aus den Augen. „Tatsächlich, mein Kindchen, die Sonne scheint, der Schnee ist vergangen, das Laub schon vom Wind verblasen, die Krume wird warm. Es wird wohl doch Frühling.“ Die Erdenmutter räkelt sich und steigt aus ihrem Winterbett.

Als Erdenmutter sich das kleine Pflanzenkind mit dem Sonnenstrahlkranz auf dem Köpfchen genauer besieht, bekommt sie einen Schreck. „Du kleiner Naseweis!“ spricht sie zu ihm, „Vor lauter Frühlingseile hast du ja deine Blätter vergessen!“ Das Pflanzenkind kichert vor sich hin, dass sein Köpfchen nur so wackelt. „Ich musste dich doch wecken, Erdenmutter!“ gluckst es vergnügt. „Da müssen die Blätter eben ein Weilchen warten.“ Die Erdenmutter lächelt mit ihrem Pflanzenkindchen mit. „Na, das ist dir doch gelungen, Kindchen. Der Frühling kann jetzt kommen.“ Das Pflanzenkind strahlt. Und ruft seine Geschwister, die flugs zu wachsen anfangen. Bald grüßen viele goldene Sonnenköpfchen auf schuppigen Stängelchen den lang ersehnten Frühling. Die Erdenmutter weckt die Pflanzen im Erdenreich. Bald grünt und blüht es bunt, die ersten Blätter treiben aus.

Aus dem Pflanzenkindchen wird ein erwachsenes Pflänzchen. Ehe noch der Sommer ins Land zieht, erreicht es ein hohes Alter. Wer so früh anfängt…  Schon trägt das Pflanzenkind von einst statt einem goldenen Sonnenstrahlkränzchen ein weißes Greisenhaarhaupt. Endlich hat es auch seine Blätter getrieben. Die tragen einen feinen Flaum, als würden sie leicht frieren. Naja, wer alt wird, fröstelt schon leicht. Die schlohweißen Greisenhaare fallen aus, das Köpfchen bekommt eine Glatze. Die Blätter verlieren ihren Flaum. Es geht zu Ende.

Die Erdenmutter sieht’s und fängt ein paar Haare auf. „Hab Dank, mein Pflanzenkindchen, auch wenn deine Kindheit längst entschwunden ist. Fast hätte ich den Frühling verschlafen. Aber du hast das Jahr gerettet.“ Das Pflanzenkind, zum Greis geworden, wackelt ein wenig mit dem Kopf: „Ich hab’s gerne getan, Erdenmutter.“

„Dann tu es wieder!“ ermuntert die Erdenmutter, „Nächstes Jahr!“ Und sie legt ein paar Haare samt Samen in die weiche Krume, deckt sie liebevoll zu und tränkt sie mit Regen. „Deine Kinder, liebes Pflanzenkind, sollen mich nach dem Winter wecken.“ Da geht dem Pflanzenkind vor lauter Freude zur Erdenmutter das Herz auf. In Liebe vergeht es, wohl wissend, dass seine Kinder wohl behütet für die wichtige Aufgabe bereit sind.

Wer das Pflanzenkind in dieser Geschichte ist? Dreimal dürft ihr raten. Blickt um euch, wo strahlt ein kleines Sonnenköpfchen in der Frühlingsluft? Genau, das ist es. Huflattich heißt es. Ein Pflanzenkind mit wahrer Pflanzenlust, nicht wahr?

Gefällt Ihnen der Beitrag? Bitte teilen Sie ihn.
(Hinweis: Bei Klick werden personenbeziehbare Daten an facebook / Pinterest übertragen)
Keine Kommentare vorhanden

Einen Kommentar schreiben

X

Meine Webseite und der integrierte Büchershop verwenden Cookies. Wenn Sie meine Webseite nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen