Petricore

Mit großer Freude darf ich hier eine Geschichte weiterschenken, die Karin Maria della Vedova uns im Rahmen der Abschlussprüfung zum Zertifikatslehrgang „Alpines Waldbaden“ in Kloster Neustift vorgetragen hat. Titel der Geschichte ist „Petricore“ oder Petrichor, das ist der Duft, der uns in die Nasen steigt, wenn Regen auf trockenen Erdboden fällt. Der Begriff leitet sich ab von griechisch petra = Stein, Fels und ichor = Blut der Götter. Nun aber die Geschichte, bei der die Elemente der Natur zum Waldbaden gehen:

Es ist eine lange Anreise, da wir aus dem Süden kommen, aus der großen Stadt. Wolkenkratzer und Industriegelände geben das Tempo vor: Autos bewegen sich pausenlos. Darum gönnen wir uns diese Reise regelmäßig und genießen sie mit allen Sinnen.
„Die Seele ernährt sich von dem, worüber sie sich freut.“ Diese Worte vom Heiligen Augustinus habe ich am Tor der Mauer eines schönen Klostergartens gelesen. Eolo holt uns mit der gesamten Gruppe ab und bringt uns an Ort und Stelle. Mit ihm ist es unterschiedlich. Einmal können wir den Ausblick genießen, ein anderes Mal saust er schnell zum Ziel und es heißt einfach: „…muss schnell weiter, eine andere Gruppe braucht mich an der Küste bei Triest (seine Lieblingsstadt)!“ Er ist unser Chauffeur und man sollte ihm lieber nicht widersprechen. Heute ist es angenehm und das Panorama ist eine Vorfreude auf die wohltuenden Stunden, die uns erwarten.

Entschuldigung, beinahe hätte ich vergessen, mich vorzustellen: Ich komme aus der vielköpfigen Familie Regenbogen, vom Wolkenhimmel und heiße Goccia. Unerwünscht kommen heute auch meine zwei Onkels mit, Blitz und Donner. Ich mag beide nicht. Der eine ist mir zu hektisch und nervös, der andere meint von sich, er sei Sänger, bringt aber immer nur düstere Stücke. Sie sind pure Angeber und der einzige Vorteil ist, dass sie meistens nur einen kurzen Auftritt haben.
Bald ist meine ganze Familie aus dem Himmel auf der Erde angekommen. Vor meinen Augen tauchen die ersten Lärchen auf. Sie bilden ein Ganzes mit dem Gestein. Wie Gestein sehen auch ihre Borken aus, wovor auch Eolo Respekt hat. Er kann den Lärchen nichts anhaben.
Rot leuchtende Vogelbeerbäume, und dort: Ein Reh!

Jetzt auch der breite Fluss. Wenn man von ihm nur mehr das Bächlein sieht und rundherum alles grün wird, sind wir endlich da. Die lange Anreise ist die perfekte Übergangsphase: Alles still, wir atmen alle achtsam und bewusst, wir fokussieren uns auf durchsichtig werden. Nur loslassen und atmen.
Ich muss zugeben, manchmal öffne ich doch langsam die Augen und genieße den Blick wie einen leichten Atemzug. Ich beurteile mich nicht und werde Eins mit dem Ganzen.

Eolo berührt uns alle, wie er uns immer begrüßt, und verschwindet. Ich werde mir ein Frauenmantelblatt suchen. Dort ist es ideal für die Waldbadenübungen: geräumig, weich, und über die kleinen Randzähne kriechen sicher keine Zecken hoch.

Einmal ließ ich mich von meiner Schwester Neve überzeugen, die schwärmte vom Zapfenduft. Und so suchte ich einen schönen Zapfen aus, Harzgeruch zum Niederknien, volles Eintauchen in den Wald, ganz konzentriert auf meine Sinne. Plötzlich kamen die Ameisen. Sie können weder die Achtsamkeit noch das langsame, gespürvolle Gehen begreifen. Kein Waldbaden für sie.

Aber ich, ich freue mich im Herbst, da liebe ich das Heruntergleiten an den goldenen Birnen und duftenden Trauben. Und am Ende der Frucht schaukle ich voll Genuss und Freude. Die Natur ist wunderschön und für jedes Wesen vollkommen. Ich fühle mich grenzenlos gut!

Die Zeit ließen wir für eine Weile anhalten, jetzt spüren wir allmählich wieder unser Dasein…. und schon sind wir wieder Licht geworden.
Nun will ich mich bedanken. Auch das gehört zum Waldbaden.
Meine Dankbarkeit wird bleiben und meine Spur hinterlassen.
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Zur Erklärung:
Eolo – Äolus oder Aiolos, Gott der Winde nach der griechischen Mythologie
Triest – Stadt der Winde
Goccia – italienisch für Tropfen
Neve – italienisch für Schnee

Danke aus vollem Herzen, dass wir alle mit Goccia Waldbaden durften. Neugierig geworden? Waldbaden-Lehrgänge mit Martin Kiem und mir gibt es bald an mehreren Standorten:
Bildungshaus Kloster Neustift – Alpines Waldbaden IV ab März bis Oktober 2021 – INFOS und Anmeldung
LFI Salzburg – Zertifikatslehrgang Waldbaden ab April bis September 2021 – INFOS und Anmeldung
LFI Tirol – Zertifikatslehrgang Waldbaden ab April bis September 2021 – INFOS und Anmeldung
Landkreis Tübingen, Verein Vielfalt – Zertifikatslehrgang Streuobstwiesen- und Waldbaden ab Oktober 2020 bis Mai 2021 – INFOS –> beide Kurse sind bereits AUSGEBUCHT! Neue Kurse sind für Sommer 2021 sowie Herbst 2021 geplant
Walderlebniszentrum Regensburg – Zertifikatslehrgang Waldbaden ab September 2021 bis Mai 2022 in Planung – Schnuppertag am Sonntag, den 16. Mai 2021 –> Infos folgen

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