Nelkenwurz – fein für Wein und mehr

Für den Mann wie für den Wein: Wer den Wurzelstock einer Echten Nelkenwurz (Geum urbanum) aufschneidet, dem fällt im Inneren eine Zone mit dunkler Rotfärbung auf – ähnliches kennt man von der Blutwurz (Potentilla erecta). Das beruht auf dem Gehalt an besonderen Gerbstoffen (Phlobaphene oder Gerbstoffrote, bilden sich vermehrt beim Trocknen, verfärben sich unter Sauerstoffeinfluss), denn die Nelkenwurz ist wie die Blutwurz ein Rosengewächs und reich an den zusammenziehend wirkenden Bestandteilen. Beide Wildkräuter, das „Gekräuter“, sammelten in früheren Zeiten auch die Mädchen zu Himmelfahrt, und zwar für den Mann die Mannskraft (eben die Nelkenwurz) und für sich selbst das Blutkraut (die Blutwurz). Denn man sagte der Nelkenwurz wahrlich enorme Macht nach, die Potenz des Mannes zu befördern.

Heilender Wein

Mit Nelkenwurz versetzte man sowohl Wein, daher der alte Name Weinwurz, wie auch Bier, um sie haltbarer zu machen und auch den Geschmack zu verbessern. So ganz „nebenbei“ sorgte die Nelkenwurz dann auch für Gesundheit des gesamten Verdauungsapparates. Schon im Mund binden die Gerbstoffe Keime, in Magen und Darm ebenso. Wider die Appetitlosigkeit und zur Genesung nach langer Krankheit galt Nelkenwurz als wirksam. Sogar äußerlich konnte der Nelkenwurzwein noch heilsame Dienste leisten, um etwa Wunden zu versorgen und Hautentzündungen zu lindern. Gekaut vertrieb die „Radix sanamundae“, die Wurzel von Heil der Welt, Zahnschmerzen und Mundgeruch – na, wenn da die Liebe nicht funktioniert.

Malefiz und Benefiz

Nelkenwurz kann Schaden (Malefiz) abhalten und für Wohltat (Benefiz) sorgen. Gepulverte Wurzel der Nelkenwurz kam früher ins Malefizpulver, ein Abwehrmittel gegen bösen Zauber und Krankheiten. Unters Kopfkissen gelegt, verrät die Wurzel nächtens den Dieb, der erscheint einem im Traum. Dem Vieh gab man Wurzelstücke zu fressen, damit ihre Milch nicht verneidet, also verhext und sauer wurde. Angeblich sorgt Nelkenwurz im Futter dafür, dass die Milch mehr Rahm liefert.

Gesegnetes Kraut

Wegen all ihrer Wohltaten nannte man die Nelkenwurz gebenedeit, nach lateinisch benedictus für gesegnet. Danach hat sie wohl ihren Namen Benediktenwurzel erhalten. Anderen Quellen zufolge soll sie den heiligen Benedikt geweiht sein. An seinem Gedenktag, dem 21. März, soll die Nelkenwurz über besonders starke Kräfte verfügen, tatsächlich duftet sie in dieser Zeit wirklich intensiv. Und trägt nicht der heilige Benedikt einen zersprungenen Kelch mit einer Schlange bei sich? Nach den Kräuterweisen des Altertums wie des Mittelalters half die Nelkenwurz gegen jegliches Gift und reinigte das Blut. Die Benedicta der Hildegard von Bingen, Äbtissin eines Benediktinerklosters, war sicherlich die Echte Nelkenwurz – und nicht die Pflanze, die heutzutage unter Benedikten- oder Kardobenediktenkraut (Centaurea benedicta, syn. Cnicus benedictus) geläufig ist.

In der Stadt und nah am Bach

Bach-Nelkenwurz

Die Echte Nelkenwurz heißt auch Stadt-Nelkenwurz oder Stadt-Benedikte, weil sie sehr häufig in Städten, Dörfern und Siedlungen vorkommt – eben in den Hausgärten, entlang von Mauern und Zäunen. Ihre nächste Verwandte ist die Bach-Nelkenwurz (Geum rivale), die entlang von Bachufern, in feuchten Wiesen sowie in Erlengebüschen wächst und aufgrund ihrer hübschen Erscheinung Namen wie Blutströpferl, Bachbummele, Kapuzinerle, Herrgottsglöckchen, Klingelbeutel oder Kaminfegerle erhalten hat. Im Jahr 2007 war sie von der Stiftung zum Schutz gefährdeter Pflanzen unter Loki Schmidt zur „Blume des Jahres“ erkoren worden. Obwohl sie von den Blüten her der Echten Nelkenwurz kaum ähnelt, wurde sie doch genauso als Heilpflanze eingesetzt. Heutzutage greift kaum noch ein Arzt auf die Nelkenwurzen zurück – nur in der Volksheilkunde haben sich die beiden ihren Stellenwert zumindest teilweise bewahrt.

Berg-Nelkenwurz

Berg-Nelkenwurz

In den Alpen, in Höhenlagen über 1500 m und auf kalkarmem Untergrund, strahlen einem im Bergsommer auf nährstoffarmen Weiden und Matten die leuchtend gelben Blütenschalen der Berg-Nelkenwurz (Geum montanum) oder Berg-Benedikte entgegen. Auffällig sind ihre Fruchtstände, die Petersbart, Grantiger Jager oder Rugei genannt werden – häufig verwechselt mit den ebenfalls haarigen Schöpfen der Küchenschellen (Pulsatilla). Die fedrigen Gebilde steckte man sich früher als Schmuck und zum Schutz an den Hut. Noch höher auf unsicherem Schutt wächst die Kriechende Nelkenwurz (Geum reptans), auch Gletscher-Petersbart genannt. Beide alpinen Nelkenwurz-Arten tragen die Bezeichnung Ruhrwurz, deutlicher Beweis für ihre Verwendung als Heilpflanze bei schweren Durchfallerkrankungen.

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