Der gute Heinrich

Der gute Heinrich

Chenopodium bonus-henricusDereinst gab es ein Dorf, in dem viele verschiedene Pflanzen wuchsen. Es gab hohe und niedrige, aufragende und niederliegende, verästelte und eintriebige, breit- und schmalblättrige, eben alle nur denkbaren Arten. Sie reihten sich entlang der Wege auf, schmückten die Mauern der Häuser, duckten sich unter den Bäumen und spitzten durch die Zäune. Manche krochen sogar über den Weg, einige tupften den Anger. Die einen blühten so schön, dass einem die Augen übergingen. Die anderen dufteten, dass einem die Seele zitterte. Den lieben langen Sommer hüpfte einem das Herz in der Brust, vor lauter Pflanzenlust!

Die Dorfbewohner waren sehr stolz über ihre Vielfalt. Sie konnten sich gar nicht satt sehen an alle den herrlichen Gewächsen. Hier eine knallrote Blütenschale, dort ein blaues Blütenglöckchen, vorne ein weißer Blütenknopf, hinten eine gelbe Blütentüte. Es ringelte, es wucherte, es nesselte und distelte. Kamille, Vogelknöterich, Breitwegerich, Steinklee, Knoblauchsrauke, Schöllkraut, Taubnessel, Kompasslattich, Natternkopf, Gundermann, Klettenlabkraut, Beifuß, Rainfarn, Ruprechtskraut, Nelkenwurz, Wegmalve, Schwarznessel, Gänsefuß – selbst Stechapfel, Bilsenkraut und Schierling. Es ist kaum aufzuzählen, was sich in dem hübschen Dorf voller Pflanzenlust so alles tummelte. Und schaute man gar in die Gärten, müsste die Liste hier ellenlang werden, um alle Kräutlein und Blumen und Gemüsepflanzen aufzuzählen.

Im Dörfchen ging es nicht nur bunt zu, was Pflanzen betraf. Auch den Leuten ging es gut. Sie freuten sich täglich daran, dass hier wieder ein frisches Blättchen getrieben hatte, dort eine Knospe kurz vor dem Öffnen stand und drüben schon Früchte reiften. Häufig trafen sie sich an einem Plätzchen, wo ein neues Pflanzenkind zu wachsen begann. Nicht selten standen sie staunend vor einem Pflänzchen, um es ausgiebig zu bewundern. Und immer wieder kamen sie zusammen, um sich ein wenig vom Grün für die Küche zu holen, ein paar farbenfrohe Blüten für die Stube zu pflücken und ein klein bisschen Kraut für die Gesundheit zu genießen.

Immer aber galt eine ungeschriebene Regel: Dass ein jeder darauf zu achten habe, die bunte Pflanzenwelt zu schonen, niemals zu viel von einer Pflanze zu nehmen. Im Traum wäre keinem eingefallen, einfach nur so eine Blüte zu rupfen, ein Blatt zu zerfetzen, einen Stängel zu knicken oder gar eine Blume samt Wurzel aus der Erde zu reißen. Jeder fragte die Pflanzen artig, bevor er etwas behutsam schnitt oder sanft zupfte und bedankte sich anschließend dafür. Und wenn es nur ein Pflänzchen einer Sorte gab, war es ganz selbstverständlich, dass keiner daran Hand anlegte. Man holte sich von den Gewächsen nur, was man unbedingt brauchte.

Bis eines Tages ein vornehm gekleideter Popanz aus einer fernen Stadt des Weges kam. Der staunte nicht schlecht über all das Grünzeug, das da im Dorfe wuchs. Was für ein Durcheinander, was für eine Unordnung, was für eine Wildnis. Wie sieht es denn hier aus, fragte der Popanz die Dörfler. Lebt ihr denn nur inmitten von Unkraut? Da habt ihr schmucke Häuschen und breite Straßen, einen heimeligen Dorfplatz und einen sprudelnden Dorfbrunnen, nur sieht man die doch gar nicht vor lauter Wildwuchs. Wo gibt es denn akkurate Rasenflächen, wo edle Blumenrabatten, wo sauber gefegte Bürgersteige?

Die Dorfbewohner verstanden erst nicht, wovon der Popanz aus der fernen Stadt redete. Doch als er ihnen überschwänglich erzählte, wie fein und rein, wie sauber und proper es dort sei, und dass man nur durch Zucht, Ordnung und Disziplin zu großem Wohlstand käme, hörten sie dann doch endlich auf die Anweisungen. Der Popanz empfahl, alle Pflanzen im Dorf zu roden und zu verbrennen. Auf den Fahrstraßen, Gehwegen und an den Häusern habe alles frei von jeglichem Bewuchs zu bleiben, in den Gärten sollten nur wirkliche Nutzpflanzen gezogen werden. Das Dorf sollte schöner werden.

Schwindlig geworden von all den hochschwingenden Reden des Popanz begannen die Dörfler doch tatsächlich, all ihre Pflanzenlust zu vergessen. Sie jäteten und harkten, gruben und kratzten, rupften und schnitten alles weg. Ratzeputz. Gänseanger, Wiesenbleiche, Löschteich, Jauchegruben, Misthaufen, Sandhaufen, Kiesgrube, Bretterverschlag, Schotterplatz und Lehmpfützen verschwanden. An deren Stelle entstanden betonierte Vorgärten, gepflasterte Parkbuchten, asphaltierte Zufahrten, geplättelte Plätze. In den Gärten wuchs das Gemüse in Reih und Glied, streckte sich einheitliches Rasengrün. Jede Nessel, jedes Gänseblümchen wurde ab sofort im Keim erstickt. Entwurzelt. Vernichtet. Pflanzen waren nichts mehr wert. Allein Kohlkopf, Tomatenstrauch, Kartoffelpflanze und solche Konsorten wurden streng in Kultur gehalten. Eine Hand reichte, um die Pflanzenarmut aufzuzählen.

Bald machte sich im Dorf Tristesse breit. Die Leute aus dem Dorf waren schlechter Laune, grüßten sich nicht mehr, gingen sich aus dem Weg. Das Essen schmeckte nicht mehr, die Stuben blieben ungeschmückt, der Brunnen in der Dorfmitte tropfte nur noch. Noch schlimmer, viele Dorfbewohner lagen krank darnieder. Grau in Grau, kein Grün, dafür sorgten schließlich gar üble Spitzbrühen, mit denen man hartnäckigen Wildgewächsen zu Leibe rückte. Dem Popanz aber war es eine Freude. So aufgeräumt, so übersichtlich, so sauber. Ein Vorzeigedorf.

Aber der Popanz hatte die Rechnung ohne die Dorfkinder gemacht. Denen wurde es nämlich bald zuwider. Kein Kerbelpfeifchen mehr, keine Klette zum Nachwerfen, keine Löwenzahnkette, kein Gänseblümchenkranz, kein Mohnpüppchen, keine Käsepappel zum Naschen. Keine Wiese zum Toben, keine Hecke zum Durchkriechen, kein Gestrüpp zum Verstecken. Nur noch staubige Straße, harter Bolzplatz. Wie dumm waren doch die Erwachsenen. Heimlich trafen sich die Dorfkinder eines Nachts unter der Dorflinde. Heinrich, der klügste unter ihnen, hatte sie zusammengerufen.

Lasst uns hinausziehen und überall von den Feldrändern, von den Ackerrainen, vom Wegesrand und Waldsaum, vom Bachufer und aus den Gräben Samen und Früchte sammeln. Stopft euch die Hosentaschen und Kleiderschürzen voll, wies er die Kinder an. Und schaut bei euch zuhause in Ritzen und Fugen, an Zaunpfosten und Wäschestangen, an der Hintertür und neben dem Kompost, auch an euren Socken und Hosenbeinen, in Schuhsohlen und an Sandalenriemen, ob ihr nicht noch Pflanzensprösslinge oder Samen findet. Grabt sie vorsichtig aus und setzt sie in Töpfchen voller Erde, sät sie aus in Schälchen mit feinem Boden. Heinrich schickte die Kinder in alle Himmelsrichtungen aus.

Die Kinder sammelten mit flinken Händchen Samenstände und Fruchtverbände, klaubten mit spitzen Fingerchen Körnchen um Körnchen, trugen mit eifrigen Ärmchen und Beinchen alles an Pflänzchen zusammen, was im Dorf noch irgendwo wagte zu gedeihen. Heinrich ging mit den Kindern zu einem Ort etwas außerhalb vom Dorf, der versteckt hinter einer großen alten Scheune lag. Hier, auf dem Brachland, streuten die Kinder die Samen aus, setzten sie die Pflanzen. Hegten und pflegten sie, bis ein buntes Vielerlei von Pflanzen dort gedieh. Heimlich brachten die Kinder mal etwas Giersch, mal etwas Melde mit nach Hause, damit das Essen wieder schmeckte. Nahmen eine Königskerze oder eine Flockenblume mit, damit die Stube etwas Fröhlichkeit erhielt. Holten Hirtentäschel und Schafgarbe, um den Kranken zu helfen.

Heinrich, der gute, sorgte dafür, dass dem Dorf die Pflanzenfülle nicht verloren ging. Er wachte darüber, dass der Popanz das Brachland hinter der alten Scheune nicht fand. Und erzählte den Kindern immer wieder Geschichten von den Pflanzen, die dort wuchsen. Zeigte ihnen die Spiele, ließ sie kosten, lehrte sie das Wissen um die Heilkräfte. Mit den Jahren wurde Heinrich erwachsen. Zum Bürgermeister des Dorfes gewählt. Und endlich konnte er den Popanz des Dorfes verweisen. Und den Pflanzen das Dorf wieder lebenswert machen. Obgleich die Dörfler kaum noch die Pflanzen wiedererkannten, die ihnen einst das Dorfleben zur Lust gemacht hatten, ließen sie sich von den Kindern begeistern. Denn die wussten Bescheid. Vom Guten Heinrich.

Wenn ich heute durch Dörfer gehe, halte ich immer Ausschau nach dem Guten Heinrich. Leider gibt es ihn nur noch sehr selten, den zu einem grünen Denkmal gewordenen Pflanzenfreund. Ab und zu treffe ich ihn, den Guten Heinrich (Chenopodium bonus-henricus). Voller Lebenslust, für mich die wahre Pflanzenlust.

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