Kletteleien 4

Arctium 4Kletteleien, eine Geschichte in vier Teilen, heute Teil 4:

„Warum willst du uns loswerden, hast uns doch bislang nicht weggelassen?“, wunderte sich die Jugend. „Weil ihr jetzt alt genug seid, euer eigenes Leben führen könnt, unsere Sippe verbreiten sollt und unsere Art erhalten müsst.“, belehrte die Pflanzenmutter mit hängenden, vergilbenden Blattohren. „Ich habe lange genug für euch gesorgt, jetzt seid ihr groß und reif. Erobert die Welt!“ Sie wollte sich nur noch zur Ruhe setzen. Der Nachwuchs hingegen dachte nicht daran, sich abzunabeln. Bis ein Mensch des Weges kam.

Der kommt gerade recht, dachte sich die Pflanzenmutter. Sie spreizte ihre zähen Triebe tief in den Weg hinein, streckte die Widerhaken der Kinderstuben weit vor. Und heftete flugs ihre widerspenstigen Kinder dem Vorbeistreifenden an. „Ade, ade, meine Lieben, sonst wärt ihr ewig bei mir geblieben!“, rief sie ihren Nachkommen nach und winkte ihnen mit ihren ergrauten Elefantenohren hinterher. Denen blieb nichts anderes übrig, als sich mit aller Kraft an der Kleidung fest zu kletten, um nur ja nicht verloren zu gehen. Wenn schon, denn schon, dann gehen wir eben auf Wanderschaft und erkunden die Welt. Warum bei der Mutter bleiben, wenn die Ferne winkt.

Der Mensch merkte erst einmal nichts von den blinden Passagieren. Er sang ein Liedchen, pflückte hier und dort Blümchen und naschte ein paar Früchtchen. Als er aber nach Hause kam, sah er die Bescherung. Da hatte sich doch was mit Haken und Häkchen verhängt. Seufzend zupfte er die Gebilde aus der Strickjacke und von den Strümpfen und warf sie fort ins Gebüsch. Ganz im Sinne der Pflanzenmutter.

Im nächsten Jahr, am Gebüsch, nahe dem Acker, stand eine Gruppe von Pflanzenmüttern, die hatten reichlich Kinder… Und wer’s noch nicht bemerkt hat, um was die Geschichte sich dreht, dem sei eine Klette angeheftet.

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