Kletteleien 3

Kletteleien – eine Geschichte in vier Teilen, heute Teil 3:

Die haselnussgroßen Kinderzimmer – sie strotzten außen herum vor wehrhaften Stacheln und ähnelten kleinen Igeln – hatten bald Kirschgröße angenommen. Im Innern herrschte drangvolle Enge, die frühreifen Früchtchen waren immer schwieriger zu bändigen. Wissbegierig lugten sie aus ihren Behausungen heraus. Pling-plong, was ging da vor sich? Pling-plong, es hüpfte an ihnen was vorbei. „Was hüpft denn da?“, erkundigten sich die Sprösslinge bei der Pflanzenmutter. „Ach, das sind die Kinder vom Springkraut, die springen ins Ungewisse.“ Das fanden die Kinder höchst spannend: „Pling, pling, plong, wir springen der Mutter davon!“ Die Blätterohren liefen vor Schreck rot an. Das wollte die Pflanzenmutter aber überhaupt nicht dulden und klammerte ihre Brut fest. „Nein, nein, bleibt ihr nur hier, ich klett‘ euch alle fest an mir.“ Wilde Springinsfelde, aber nicht mit ihr. Sie erzählte davon, welch schreckliche Dinge allzu dreisten Kindern widerfahren könnten und wie wichtig eine abgeschlossene Reife wäre. Verteilte Kraftkost und verriegelte die Türen mit Widerhaken.

Die Kinderstuben platzten aus allen Nähten. Obwohl schon walnussriesig, konnten sie den Kindersegen kaum noch fassen. Trotzdem wollte keiner das Heim mehr verlassen, zu bequem hatte man es doch zuhause bei Muttern. Draußen war es kalt, regnerisch und stürmisch, drinnen dagegen warm, trocken und behaglich. Es gab reichlich zu futtern, was sollte man ein Risiko eingehen. Doch die Pflanzenmutter war es müde geworden, ihre Brut ständig zu behüten, zu verköstigen und sich um alles zu sorgen. Wie die Kletten hingen die Früchtchen ihr am Bändel. Wenn sie doch nur mal los ließen… Selbst Elefanten schicken ihre Kinder mal fort. Und sie wackelte kraftlos mit ihren großen, grauen Blättern, die schon ziemlich faltig geworden waren.

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