Frau Holle – und wie ging’s weiter?

Frau Holle – und wie ging’s weiter?

HolunderDiplom-Lehrgang NaturCoach in Salzburg, Abschlussprüfung 2014, Vorstellung der Seminararbeiten. Als Letzte (Zufall?) ist Veronika Urtl an der Reihe. Sie hat eine Geschichte mitgebracht. Eine selbst verfasste Fortsetzung vom allbekannten Märchen der Gebrüder Grimm „Frau Holle“. Veronika hat mir erlaubt, ihre Geschichte hier auf meinem Blog wiederzugeben. Das tue ich mit großer Freude, ab heute in mehreren Etappen. Denn die Geschichte ist wirklich begeisternd. Auf geht’s:

Pechmarie im Wald
(von Veronika Urtl)

Das Märchen „Frau Holle“ ist euch ja allen wohlbekannt. „Eine Witwe hatte zwei Töchter“, so heißt es am Anfang. „Davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Sie hatte aber die hässliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere musste alle Arbeit tun.“ Nun ja – bis sich das Blatt nach dem Aufenthalt bei Frau Holle wendet. Die „Fleißige“ wird zur Belohnung für die Dienste, die sie für Frau Holle geleistet hat, mit einem Goldregen übergossen, die „Faule“ mit einem Kessel voll Pech.
Mich hat diese harte Bestrafung der Pechmarie schon als Kind sehr berührt und ich empfand sie als ungerecht. Man kann natürlich der Meinung sein, Strafe müsse eben sein. Ja schon, aber sie hatte sich doch nur so verhalten, wie es von ihrer Mutter gefördert und gutgeheißen worden war! Ja sicher, sie war faul, auf dieses Verhalten musste sie schon hingewiesen werden. Aber war es ihre Schuld, dass ihre Mutter sie nie angeleitet hatte, sich um den Haushalt oder das Spinnen zu kümmern? Sie hatte ja nie gelernt, das zu tun, was gerade notwendig war. Und deshalb konnte sie auch das Brot nicht verstehen, als es ihr zurief „Ach zieh mich raus…“, genau so wenig wie sie den Ruf der Äpfel verstehen konnte oder den Sinn des Ausschüttelns der Federbetten. Es war für mein Empfinden nicht nur die Faulheit, die bestraft wurde, sondern das Nicht-Wissen. Wieso nur konnte Frau Holle, die Große Göttin, so erbarmungslos sein? Das war die Frage, die mich lange Zeit beschäftigt hielt.
Da wandte ich mich eines Tages an die weise Eule Jaromir, mit der ich befreundet bin, und bat sie um eine Erklärung. Die Eule sagte mir, dass das Märchen einfach an einem bestimmten Punkt endet. Das Leben jedoch macht keinen Punkt und kennt keinen Stillstand, es ist ein ständiges Fließen, ein Werden und Vergehen, ein ewiges Sich-Wandeln. So erfuhr ich, dass die Pechmarie nach ihrer anfänglichen Verzweiflung und ihrer Flucht vor den Menschen, die sie allesamt verspottet und mit Fingern auf sie gezeigt haben, dann doch noch zu innerer Glückseligkeit gefunden hat.
Jetzt aber alles der Reihe nach. Weil sie sich dem Spott der Menschen nicht länger aussetzen wollte, verließ sie das Haus nur mehr des Nachts. Bis sie eines Tages den Entschluss fasste, ihre Mutter, die ihr in dieser Situation auch keine Hilfe mehr war, zu verlassen. Sie packte ein paar Habseligkeiten zusammen und ging hinaus in den Wald. Die Angst vor dem Unbekannten ließ sie bei jedem Schritt erzittern, aber da sie praktisch nichts mehr zu verlieren hatte, schritt sie tapfer voran. Sie wusste, sie musste sich jetzt ganz auf sich und ihre Instinkte verlassen.
Die Eule hatte ihr Kommen bereits erwartet. Schon längere Zeit hatte sie Pechmaries rastloses Herumtreiben im Schutz der Dunkelheit beobachtet. Mit einem leisen „Uhuuu“, um sie nicht allzu sehr zu erschrecken, wurde die Pechmarie begrüßt. „Willkommen im Reich der Natur.“

 

Morgen geht’s weiter…

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