Was für den hohlen Zahn?

Weit verbreitet vor allem auf Äckern, Schotterflächen, Schuttplätzen, aber auch an Waldrändern blühen derzeit Pflanzen, die vom Menschen als unnützes Unkraut eingestuft werden, bei Bienen und Hummeln sowie vielen Vogelarten jedoch hochwillkommen sind: Hohlzähne (Galeopsis). Nesselähnlich, aber weder Brenn- noch Taubnessel, weder Minze noch Melisse, und doch mit den letzten dreien verwandt, fristen die Lippenblütler eher ein Dasein als Aschenputtel unter den Blütenpflanzen unserer Heimat. Das haben sie aber nicht verdient!

Weichhaariger Hohlzahn (Galeopsis pubescens)

Blüten voller Zeichen und Wunder

Katzengesicht nannte man die Pflanzen einst, was wirklich gut passt, wenn man die Lippenblüten eingehend betrachtet. Luege oder Luaga sind Dialektnamen, die sich auf schauen, gucken beziehen . Und ja wirklich, die Blüten sehen einen interessiert an, als ob sie glücklich über die Aufmerksamkeit sind, die wir ihnen schenken. Selbst der botanische Gattungsname Galeopsis beschreibt die niedlichen Blümchen als Wieselgesicht, nach griechisch gale = Wiesel und opsis = Aussehen.
Schon erkannt – die Blüte weist hübsche Zeichen und Muster auf, die als Orientierungshilfen im Flugbetrieb dienen?
Schon bemerkt – die beiden Höcker (hohlen Zähne –> Name!) auf der Unterlippe, die als Leitplanken den Insekten das Hineingleiten in den Schlund erleichtern?
Schon entdeckt – die Haare auf der Oberlippe verhindern wie Stachelbänder oder Spikes zur Tauben- bzw. Katzenabwehr Landungen an unerwünschter Stelle?

Stechender Hohlzahn (Galeopsis tetrahit)

Solche Früchtchen

In den mehr oder weniger stechenden Kelchen reifen Klausenfrüchte heran, die sehr gerne von Meisen herausgepickt werden. Jede Pflanze produziert bis zu 600 der kleinen Samenkörner, die lange keimfähig bleiben. Wer die runden, schwarzen Samen sammelt, kann sie im Winter wie Kresse zum Keimen bringen und die Sprossen in der Küche nutzen.

Bunter Hohlzahn (Galeopsis speciosa)

Feines Wildgemüse

Überhaupt, Hohlzahn und Küche! Die Blätter schmecken mild und können wie Taub- oder Brennnesseln verwendet werden. Roh für Salate, Kräuterquark oder -butter, gedünstet oder gebraten für Gemüsegerichte und Eierspeisen, in Aufläufen oder Suppen. Mit den farbenfrohen Blüten lässt sich gut garnieren.

Stechender Hohlzahn (Galeopsis tetrahit)

Wundermittel

Seit der Antike hatten Hohlzähne ein hohes Ansehen als Heilpflanzen. Dank Kieselsäure, Saponinen, Gerb- und Bitterstoffen wirken sie adstringierend, antibiotisch, schleimlösend, auswurffördernd und mild harntreibend. Hohlzahn wurde vor allem bei Atemwegserkrankungen, aber auch zur Wundheilung und Entwässerung verwendet. Große Berühmtheit erlangte Hohlzahn im 18. und 19. Jahrhundert unter dem Namen „Liebersche Auszehrungskräuter“ gegen die Schwindsucht, vom Regierungsrat Lieber zu Camberg als Geheimmedizin zu horrenden Preisen vertrieben. Als Blankenheimer Tee soll er nicht nur besagtem Regierungsrat, sondern auch dessen Nachfahren goldene Berge eingetragen haben, wie in Geschichtsbüchern der Pharmazie vermerkt wurde. 1824 verboten die Behörden diese angeblichen Universalheilmittel gegen Tuberkulose. Bald gerieten die Hohlzähne in Vergessenheit…

Aber jetzt sage noch einer, Hohlzähne seien bloß was für den hohlen Zahn. Mitnichten!

1 Gedanke zu „Was für den hohlen Zahn?“

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