Warum der Erle das Holz blutet

Vor langer Zeit, als die Bäume noch an ihren Kleidern schneiderten, häkelte die Erle sich runde Zäpfchen, strickte sich schlanke Kätzchen, plissierte sich dunkelgrüne Blätter, wirkte sich eine schlicht schwarze Borke. Fertig geworden, besah sie sich ihr Gewand und war zufrieden.

Auch die anderen Bäume hatten sich Mantel, Umhang, Stola, Rock und Kleid gewirkt. Einer aufwändiger als der andere. Es war eine Pracht, die Vielfalt zu betrachten. Doch unter Bäumen, so nahe sie auch beieinander stehen, herrscht nicht immer Frieden und Eintracht. Der eine missgönnte dem anderen seine hübschen Blüten, der nächste war neidisch über den übernächsten wegen dessen Blattform, und wieder einer schielte begehrlich auf eines weiteren Stamm. Und wenn man sich selbst nicht grün ist, wenn man es allzu bunt treibt, wenn das Innere hartholzig und hartherzig wird, dann richtet sich die Bosheit gegen einen, der von all dem Eifern und Geifern gar nichts wissen will.

„Schaut euch bloß mal die Erle an!“, lästerte der Kirschbaum. „Sind das Blüten? Baumelnde Würstchen, aus denen es staubt, und hölzerne Eier, die auch noch platzen. Wie sollen denn da Bienen aufmerksam werden, wo sollen sie Nektar finden?“ Die anderen Bäume wackelten zustimmend mit ihren Ästen. Ja, der Kirschbaum trug schon ein außergewöhnliches Blütenkleid, das hätten sich die anderen auch gerne übergestreift. Aber was die Erle da an ihre Zweige geknüpft hatte, fanden alle umso weniger passend, je eifriger der Kirschbaum darüber lästerte.

Der Erle wurde es zuerst ganz grün, dann schwarz um ihre Zapfen. Die Esche setzte noch eins darauf, indem sie über das Laub der Erle herzog. „So was von einfallslos!“, prangerte sie, die anmutig gefiederte Blätter trug, die Erle an. „Nicht rund, nicht oval, nicht nadelig, nicht gebuchtet, nicht gesägt, nicht gelappt, nicht lindgrün, nicht birkengrün, nicht tannengrün.“ Die Bäume steckten ihre Kronen zusammen und tuschelten darüber, wie ein anständiges Blatt auszusehen habe. Schnell war man sich unter den Bäumen einig, dass der Erle nun wahrlich kein Blattkunstwerk gelungen sei. Und flatterten mit ihren Blättern umso lauter Beifall, je pingeliger die Esche über die Erlenblätter mäkelte.

Der Erle bogen sich vor Verlegenheit die Blattspitzen um. Da kam die Platane in ihr Element. „Und erst der Stamm! So was zieht man doch nicht an! Nicht braun, nicht grau, nicht schwarz. Nicht glatt, nicht gefurcht, nicht geringelt. Einfach nur langweilig.“ Natürlich fanden die Bäume die bunt gescheckte Borke der Platane besonders modisch gelungen, da konnte kaum einer unter ihnen mithalten. Und wie schäbig erschien ihnen dagegen die zerklüftete, schwarzgraue Hülle der Erle. Wahre Schauder liefen ihnen über die Stämme, umso heftiger, je mehr sich die Platane über die unpassende Erlenkleidung echauffierte.

Die Erle indes lief vor lauter Scham innerlich rot an. Die stolze Fichte setzte noch eins drauf: „Tut so als sei sie Nadelbaum, was? Hat einen Stamm wie eine Maibaumstange, tarnt sich mit Zapfenzier. Und zu Nadeln hat’s dann doch nicht gereicht.“ Die Bäume waren sich umso mehr einig, dass die Erle nichts Halbes und nichts Ganzes war, je strenger die Fichte ihr unpassendes Aussehen anprangerte. Und drängten sich immer näher an die Erle, nahmen ihr Licht und Nahrung, ließen ihr keine Luft mehr zum Atmen.

Als gar der Herbst kam und die Bäume sich zum großen Kehraus bereit machten, gab es erneut ein großes Lästern. Der Ahorn, Meister in Sachen Herbstfärbung, empörte sich über die Erle. „Keinerlei  Dank an den Sommer hat sie übrig! Kein bisschen bunt.“ Auch die Buche fiel entrüstet ein: „Hat wohl Angst vor dem Winter, dass sie ihr Laub gleich grün abwirft!“ Unter den Bäumen entbrannte die Verachtung. Und ein jeder strengte sich an, nur ja seine Blätter noch hübscher bunt zu färben.

Müde von so viel Unfreundlichkeit, verzweifelt über so wenig Baumbrüderlichkeit, tief getroffen durch all die Schikanen, wandte die Erle sich ab. Vielleicht war sie ja wirklich nicht normal, kein richtiger Baum? Sie zog sich immer mehr aus der Baumgemeinschaft zurück. Den anderen Bäumen schien das nur recht. „Verzieh dich!“, riefen sie der Erle nach. „Mit dir wollen wir nicht gemeinsam wachsen. Lege dir ein anständiges Baumkleid zu, dann kannst du wieder vorstellig werden.“ Die Erle seufzte bis in ihre feinsten Zweige. Wie sollte ihr das gelingen.

Sie zog sich ins Moor zurück, wo sonst keiner der Bäume leben wollte.  Wurzeln im Nassen, Äste im Dunst. Wo auf unsicherem Boden sich keiner mehr hinwagte, wo wallende Nebel sie gnädig verhüllten. Hier führte sie ein geisterhaftes Leben, zwischen Irrlichtern und Moorhexen. Unbeachtet und fast vergessen.

Bis eines Tages der Frost kam. Er hatte Mitleid mit der Erle, die so verloren im Moor stand. Er hauchte sie mit eisigem Atem an und streifte ihr ein Kleid über, wie es die Baumwelt noch nie gesehen hatte. Spinnwebzarte Schleier aus gefrorenem Nebel, glitzernde Perlen aus gefrostetem Regen, funkelnde Kristalle aus Raureif. Da verschlug es den anderen Bäumen die Sprache.

Nie wieder hat auch nur einer der Bäume seitdem wieder verächtliche Worte verloren. Im Gegenteil, die Bäume sprechen seitdem gar nicht mehr laut. Sie wispern nur noch, rascheln, knacken, knarzen, ächzen… Kannst du sie hören? Sie bewundern die Erle um ihre zierlichen Zäpfchen, ihre schlanken Kätzchen, ihre spitzenlosen Blättern, ihre dunkelgrauen Schuppenborke und ihr feines Holz. Und die Erle? Hat sich ein reines, weißes Stammherz behalten. Doch wenn man ihr ins Holz schneidet, blutet es.

2 Gedanken zu „Warum der Erle das Holz blutet“

  1. Hallo Karin. Danke für das schöne und stimmige Märchen. Wie immer lernt man immer etwas dazu auf deinem Blog. Lg. Wally

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