Unter Rosen, Teil 2

Solche Blättchen, solche Blütchen trieb unser Kräutlein den ganzen Sommer über. Wenn es – was immer wieder passierte – im Maul einer hungrigen Kuh verschwunden, unters Messer der Sense gekommen war, ließ es sich nicht entmutigen, sondern wuchs unbeirrt weiter. Besonders üppig erschien frisches Grün, nachdem die Wiese gedüngt worden war. Den kräftigen Nährstoffschub nutzte unser Kräutlein, um wenigstens für eine Weile mal etwas größer zu wachsen als gewöhnlich. Außerdem sorgte unser Kräutlein für Vermehrung, indem es ganz ohne Bestäubung Früchte entwickelte, wie die Jungfrau Maria zum Kinde kam. Trotzdem, zwischen all den anderen Wiesenblumen und umringt von stattlichen Grashalmen, blieb es unscheinbar.

Doch das störte unser Kräutlein wenig, es gedieh fröhlich vor sich hin. Bis eines schönen Tages das Gänsefingerkraut von nebenan höhnte, wie vornehm doch seine Blätter seien, so wunderbar silbrig behaart. Damit könnte doch keine der Wiesenblumen aufwarten, schon gar nicht dieses schäbige Kleingewächs, das immer nur grün vor sich hin wuchere und einfache Gänsepatschen als Blätter habe. Für jemanden aus der Verwandtschaft der majestätischen Rose, ein Rosengewächs doch völlig untragbar. Naja, viel schöner bist du auch nicht, meinte unser Kräutlein, und wandte sich wieder seinen unbedarften Wuchsgeschäften zu. Doch als das Kriechende Fingerkraut höhnte, dass es wie seine Cousine Gänsefingerkraut zur Ehre der Familienzugehörigkeit wenn schon keine bombastischen Rose, so doch goldene Blüten trage, verdrückte unser Kräutlein doch ein kleines Tränchen, das vom Zähnchenrand seines Blättchens perlte.

Übermorgen geht es weiter mit der Geschichte!

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