Pilze, Pilze, Pilze

FliegenpilzJetzt wachsen sie wieder im Wald, jetzt suchen wir sie wieder im Wald: Pilze! Und dieses Jahr in Hülle und Fülle. Grund genug, sich mal ein wenig mit den geheimnisvollen Waldbewohnern zu beschäftigen.

Steinpilze frisch gesammeltPilze bilden einen ganz eigenen Stamm im Reich der Lebewesen. Man macht gerne ein Geheimnis um die besten Pilzplätze, und immer umweht Plätze auch etwas Geheimnisvolles. Lüften wir den Schleier rund um Schwämme, Lamellen und Bärte.

BovistPilzvielfalt
Viele wie Steinpilz und Pfifferling sind wahre Delikatessen, vor anderen wie Knollenblätterpilz oder Fliegenpilz muss man sich hüten. Sie bilden Hexenringe wie etwa die Nebelkappe, leuchten bei Nacht wie der Hallimasch, stauben wie Boviste, tropfen schwarze Flüssigkeit wie Tintlinge, eignen sich zum Feuermachen wie der Zunderschwamm, haben merkwürdige Namen wie Krause Glucke. Und dann gibt es noch Pilze, bei denen man die Nase rümpft wie bei der Stinkmorchel, oder deren Aroma als Hochgenuss gilt wie die Trüffel. Einige dieser Wesen sind äußerst unbeliebt, man denke nur an Hausschwamm, Mehltaupilze, Kartoffelfäule oder Fußpilz. Aber ohne Pilze müssten wir auf Bier und Wein verzichten, ginge der Kuchen nicht auf, fehlten uns wertvolle Medikamente wie Penicillin.

Klein_unscheinbar_und doch wichtigWenn sie aus dem Boden schießen
Ein warmer Herbstregen, und scheinbar über Nacht riecht es im Wald überall nach Schwammerln. Da leuchten die gelben Reherl, da locken die Rotkappen, da breiten die Parasole ihre Schirme aus. Doch was zu sehen ist, sind nur die Fruchtkörper. Die sind so vielfältig wie die Früchte der Pflanzen, und man muss schon genau hinschauen und einige Kenntnisse haben, um sie zu genau zuzuordnen. Doch eigentlich führen Pilze ein Leben im Verbogenen: Mit einem Myzel, weitläufigen Geflechten aus dünnen Fäden, spinnen sich durch die Erde, ziehen sich durch Baumstämme, wuchern durch abgestorbene Substanz. Pilze werden deshalb auch als „Fadenwesen“ bezeichnet.

SchopftintlingWeder Tier noch Pflanze
Auf den ersten Blick ordnet man Pilze dem Pflanzenreich zu. Aber sie sind nicht grün wie Pflanzen, enthalten kein Chlorophyll, können auch das Sonnenlicht nicht zum Wachstum nutzen. Vielmehr ernähren sie sich von pflanzlicher und tierischer Substanz, zersetzen und „verdauen“ diese – oder leben als Schmarotzer. Also doch Tiere? Von denen wiederum unterscheiden sich Pilze, indem sie sich nicht aktiv bewegen können, allein durch Wachstum ihrer Pilzfäden, der Hyphen, kommen sie von A nach B. Schon der große schwedische Naturforscher Carl von Linné fasste im 18. Jahrhundert die Pilze daher als eigene Gruppe von Lebewesen auf. Doch erst seit den 1960er Jahren erhielten die Pilze allgemein wissenschaftlich eine gleichrangige Stellung zwischen Pflanzen und Tieren.

Kein Wald ohne Pilze_keine Pilze ohne WaldWaldpilze – Pilzwald
Rund zwei Drittel der mehr als 5000 heimischen Pilzarten leben im Wald. Und das hat einen sehr gewichtigen Grund. Denn vor allem unsere Waldbäume gehen eine innige Verbindung mit den Pilzen ein. Das erkennt man vordergründig bereits an so engen Beziehungen wie beim Birkenpilz, der vornehmlich unter Birken zu finden ist. Mit ihren feinen Fäden umschlingen die Pilze die Wurzeln ihrer Baumpartner oder dringen gar in diese ein und versorgen die Baumwurzeln mit Wasser sowie gelösten Nährsalzen. Ohne Pilze Reizker, Steinpilz oder Maronen könnten z.B. Kiefern gar nicht auf kargen Heideflächen gedeihen. Überdies schützen die Pilzfäden die Baumwurzeln vor Krankheitserregern und filtern Schadstoffe heraus.
Als Gegenleistung liefern die Bäume Zucker und andere Nahrung an die Pilze. Das einzigartige Zusammenleben von Pilzen und Bäumen, aber auch vielen anderen Waldgewächsen wie Heidelbeeren oder Schneeheide bezeichnet man als Mykorrhiza, das heißt übersetzt Pilzwurzel. Wie lebensnotwenig eine solche Symbiose zwischen Pilzen und Pflanzen ist, zeigen zwei Beispiele: So manche Aufforstung von Steppen, Heideflächen oder langfristig entwaldeten Gebieten war erst möglich, nachdem man die Wurzeln der Baumsetzlinge mit Pilzen geimpft hatte. Orchideen sind auf ganz bestimmte Pilze angewiesen, weil ihre staubfeinen Samen keinerlei Nährstoffvorräte haben und nur dank der Pilze als Ammen überhaupt keimen können.
Ohne Pilze wäre der Wald aber auch in manch anderer Hinsicht arm dran. Indem sie totes Material wie Laub und Nadeln zersetzen, sorgen die Pilze dafür, dass der natürliche Kreislauf in Betrieb bleibt, dass sich Humus bildet, dass genügend Nährstoffe für das Wachstum des Waldes zur Verfügung stehen. Mit ihrem unglaublich ausgedehnten Myzel nehmen Pilze ungeheure Wassermengen auf, halten so Regenfälle auf wie ein Schwamm und schützen vor Überschwemmungen. Indem sie feine Erdpartikel mit ihren Fäden verkleben, stabilisieren sie das Erdreich und wirken Erosion entgegen.

BirkenpilzPilze leben lassen
Bodenverdichtung und Schadstoffeintrag setzen Pilzen im Wald mehr zu als Sammler, die sich ab und zu einen Korb Schwammerl für die Küche holen. Trotzdem ist jeder Schwammerlsucher und Pilzfreund dazu aufgerufen, schonend mit der Natur und natürlich auch mit Pilzen umzugehen. Jeder Pilz, ob essbar oder giftig, ob attraktiv oder unscheinbar, ob genüsslich duftend oder abstoßend riechend, hat seine spezielle Rolle im Ökosystem. Lassen Sie von einer Pilzgruppe immer ein paar Exemplare stehen – sie sorgen dann für weitere Verbreitung und Erhaltung der Art. So können Sie auch in den folgenden Jahren ernten und viele Bäume und Waldpflanzen bekommen vielleicht genau den Partner, den sie fürs Leben nötig haben.

Auch nicht vergessen: Viele Pilze, vor allem die Schwämme, sind noch immer stark radioaktiv belastet – schon deshalb sollte man nicht Raubbau im Wald an Pilzen betreiben. Sammeln ist außerdem nur für den persönlichen Bedarf erlaubt, darunter verstehe ich die Menge für eine Mahlzeit… Und jeder Pilz, den man nicht kennt oder den man nicht essen kann, gehört „unter Naturschutz“.

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