Kletteleien

Kletteleien

???????????????????????????????????????????????????????????????Am Gebüsch, nahe dem Feldrand, stand eine Pflanzenmutter, die hatte viele Kinder. Man kann sich gut vorstellen, welche Aufgabe das bedeutete. Unentwegt nähren, für prächtiges Gedeihen der Sprösslinge sorgen, ihnen eine weiche und warme, vor den Unbilden des Wetters geschützte Kinderstube bereit halten, eine gute Erziehung zuteil kommen lassen. Und alle Neugier befriedigen, alle Fragen beantworten, allen Unfug der Rasselbande geduldig ertragen. Da musste man schon sehr zähe Stängel haben.

Die stämmige Pflanzenmutter hatte sich riesige Blätter zugelegt, die an Elefantenohren erinnerten. Sie fühlten sich auch so an, ab und zu bewegte sie der Wind – dann schien es, als ob die Pflanzenmutter mit ihren Blattohren wedelte. Als hörte sie Unruhe, Ungehöriges. Als würde ihre Kinderschar über die Stränge schlagen.
Der Nachwuchs kuschelte sich brav in den erbsenzwergigen Wiegen zusammen, wurde zunehmend lebhaft. „Wann dürfen wir raus, hinaus in die Welt?“, fragten sie die Pflanzenmutter. „Dafür seid ihr noch viel zu klein, bleibt nur noch ein bisschen daheim!“ besänftigte die Pflanzenmutter ihre quirlige Sippe. „Aber es ist sooooo langweilig hier!“ riefen die Knirpse. Also wackelte die Pflanzenmutter mal wieder mit ihren Elefantenohren, sog reichlich Wasser aus dem Boden, kochte mit Hilfe der Sonnenstrahlen gehaltvolle Babykost und fütterte ihre Rangen. Das half, die lieben Kleinen kletteten sich an der Mutter fest.
Damit ihre Kinder es immer mollig warm hatten, streckte die Pflanzenmutter die kugeligen Stübchen an derben Stängeln der Sonne entgegen. In der Höhe hatten die Sprösslinge wunderbaren Ausblick und konnten, wie es Kinderart ist, alles in der Umgebung genau beobachten. „Was fliegt denn da?“, wollten sie von der Pflanzenmutter wissen. „Die Kinder vom Wiesenbocksbart.“, erklärte diese, „Sie segeln an ihren Fallschirmen in die Ferne.“ Da kribbelte und krabbelte es in den Kinderzimmern. „Fliegen, fliegen, mit dem Wind, das möchten wir auch geschwind!“ Die Blattohren gerieten ins Wedeln. „Nein, nein, bleibt ihr nur hier, vom Fliegen wird’s nur übel dir.“ Die Pflanzenmutter verhakte die Hüllen der Stuben ein wenig mehr, dass nur ja niemand ausrisse. Mit dem Wind fliegen, so weit käme es noch. Man zöge doch keine Luftikusse. Verköstigte ihren Nachwuchs und wiegte ihn in süßen Schlaf. So träumten alle von trauter Anhänglichkeit.
Aus den erbsenzwergigen Wiegen waren haselnussgroße Kabäuschen geworden, in denen die Halbwüchsigen kicherten und stichelten. Vorwitzig spähte der Nachwuchs in die Ferne und beobachtete voller Interesse, wie die Vögel an der Hecke munter von Zweig zu Zweig hüpften und mit ihren Schnäbeln lauter rote Dinger pflückten. „Mutter, was holen die Vögel?“ wollten die Kinder wissen. „Sie nehmen die Kinder vom Weißdorn mit in die Fremde.“, erklärte die Pflanzenmutter. „Au ja, au fein, da wollen wir dabei sein!“, schallte es aus vielen Kehlen. Beunruhigt hoben und senkten sich heftig die Blätterohren. „Nein, nein, bleibt ihr nur hier, wer weiß, wie’s steht mit dem Getier.“ Mit fremden Leuten geht man nicht mit, klärte die Pflanzenmutter auf, da kann ja sonst was passieren. Sorgsam prüfte sie, dass die Bande schön artig in ihren Kammern blieb, und servierte schleunigst das Abendessen.
Die haselnussgroßen Kinderzimmer – sie strotzten außen herum vor wehrhaften Stacheln und ähnelten kleinen Igeln – hatten bald Kirschgröße angenommen. Im Innern herrschte drangvolle Enge, die frühreifen Früchtchen waren immer schwieriger zu bändigen. Wissbegierig lugten sie aus ihren Behausungen heraus. Pling-plong, was ging da vor sich? Pling-plong, es hüpfte an ihnen was vorbei. „Was hüpft denn da?“, erkundigten sich die Sprösslinge bei der Pflanzenmutter. „Ach, das sind die Kinder vom Springkraut, die springen ins Ungewisse.“ Das fanden die Kinder höchst spannend: „Pling, pling, plong, wir springen der Mutter davon!“ Die Blätterohren liefen vor Schreck rot an. Das wollte die Pflanzenmutter aber überhaupt nicht dulden und klammerte ihre Brut fest. „Nein, nein, bleibt ihr nur hier, ich klett‘ euch alle fest an mir.“ Wilde Springinsfelde, aber nicht mit ihr. Sie erzählte davon, welch schreckliche Dinge allzu dreisten Kindern widerfahren könnten und wie wichtig eine abgeschlossene Reife wäre. Verteilte Kraftkost und verriegelte die Türen mit Widerhaken.
Die Kinderstuben platzten aus allen Nähten. Obwohl schon walnussriesig, konnten sie den Kindersegen kaum noch fassen. Trotzdem wollte keiner das Heim mehr verlassen, zu bequem hatte man es doch zuhause bei Muttern. Draußen war es kalt, regnerisch und stürmisch, drinnen dagegen warm, trocken und behaglich. Es gab reichlich zu futtern, was sollte man ein Risiko eingehen. Doch die Pflanzenmutter war es müde geworden, ihre Brut ständig zu behüten, zu verköstigen und sich um alles zu sorgen. Wie die Kletten hingen die Früchtchen ihr am Bändel. Wenn sie doch nur mal los ließen… Selbst Elefanten schicken ihre Kinder mal fort. Und sie wackelte kraftlos mit ihren großen, grauen Blättern, die schon ziemlich faltig geworden waren.
„Warum willst du uns loswerden, hast uns doch bislang nicht weggelassen?“, wunderte sich die Jugend. „Weil ihr jetzt alt genug seid, euer eigenes Leben führen könnt, unsere Sippe verbreiten sollt und unsere Art erhalten müsst.“, belehrte die Pflanzenmutter mit hängenden, vergilbenden Blattohren. „Ich habe lange genug für euch gesorgt, jetzt seid ihr groß und reif. Erobert die Welt!“ Sie wollte sich nur noch zur Ruhe setzen. Der Nachwuchs hingegen dachte nicht daran, sich abzunabeln. Bis ein Mensch des Weges kam.
Der kommt gerade recht, dachte sich die Pflanzenmutter. Sie spreizte ihre zähen Triebe tief in den Weg hinein, streckte die Widerhaken der Kinderstuben weit vor. Und heftete flugs ihre widerspenstigen Kinder dem Vorbeistreifenden an. „Ade, ade, meine Lieben, sonst wärt ihr ewig bei mir geblieben!“, rief sie ihren Nachkommen nach und winkte ihnen mit ihren ergrauten Elefantenohren hinterher. Denen blieb nichts anderes übrig, als sich mit aller Kraft an der Kleidung fest zu kletten, um nur ja nicht verloren zu gehen. Wenn schon, denn schon, dann gehen wir eben auf Wanderschaft und erkunden die Welt. Warum bei der Mutter bleiben, wenn die Ferne winkt.
Der Mensch merkte erst einmal nichts von den blinden Passagieren. Er sang ein Liedchen, pflückte hier und dort Blümchen und naschte ein paar Früchtchen. Als er aber nach Hause kam, sah er die Bescherung. Da hatte sich doch was mit Haken und Häkchen verhängt. Seufzend zupfte er die Gebilde aus der Strickjacke und von den Strümpfen und warf sie fort ins Gebüsch. Ganz im Sinne der Pflanzenmutter.
Im nächsten Jahr, am Gebüsch, nahe dem Acker, stand eine Gruppe von Pflanzenmüttern, die hatten reichlich Kinder… Und wer’s noch nicht bemerkt hat, um was die Geschichte sich dreht, dem sei eine Klette angeheftet.

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2 Kommentare
  • Wanda
    Antworten

    Liebe Frau Greiner,
    vielen Dank für diese schöne Geschichte, ebenso wie für alle anderen hier (und aus dem Wilden Kräuterbuch).
    Ich stöbere fast täglich in Ihrem Blog und finde immer so viel, und mehr…..Das hat bald Suchtcharakter.
    Jedenfalls versüßt es mir die lange Wartezeit bis April, wenn endlich „mein“ Kräuterpädagogen-Kurs beginnt.
    Herbstliche Grüße von
    Wanda aus Berlin

    28. Oktober 2015 um 17:26

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