Eins und doch zwei

Eins und doch zwei

Lamium UrticaEs waren einmal zwei Pflanzen, die freuten sich des frischen Frühlings und wuchsen munter vor sich hin. Ein Blatt nach dem anderen entfalteten sie an wohlgeratenen Stängeln und streckten es der Sonne entgegen. Weder besonders groß noch bemerkenswert klein, weder aufregend geformt noch auffällig gefärbt, weder verlockend duftend noch abschreckend muffelnd, gaben sich die beiden eher gewöhnlich und bescheiden. Sie glichen sich beinahe aufs Haar, als wären sie derselben Wurzel entsprungen. Und doch war jede für sich eigenständig, und innerlich grundverschieden von der anderen.

Wie jedes Töpfchen einen Deckel braucht, bekommt auch in dieser Geschichte jedes Pflänzchen einen Namen, schon damit wir uns besser auskennen. Nennen wir die beiden Pflanzen also Muimal und Acitru. Muimal hatte ein sanftmütiges, weichherziges Wesen, Acitru zeigte sich eher stechend und abweisend.

Muimal liebte es, sich von dicken Hummeln kitzeln zu lassen. Das kribbelte so schön im Blütenschlund, als hätte man Schmetterlinge im Pflanzenbauch! Extra viel süßen Nektar spendete sie dafür, damit die Hummeln auch ja zu ihr kamen. Und sie bildete auf der Unterlippe ihrer Blüten einen zarten Haarkranz, der den Hummeln den Bauch bürstete. Welch eine Wonne. Für Muimal wie für die Hummeln.

Acitru dagegen fand es völlig unverständlich, wieso man sich für das Fluggetier so ins Zeug legen konnte. Deshalb vergoss sie auch keine noch so kleine Nektarträne, wenn Bienen und Hummeln sie links liegen ließen. Im Gegenteil, sie reckte ihre Blattspitzen wie Lanzen zur Abwehr aus. Wer weiß, was diese Brummer alles im Schilde führen, argwöhnte Acitru. Am Ende fressen sie einen noch!

Solche Gedanken plagten Muimal nicht. Ganz im Gegenteil, Muimal unternahm alles, um den Hummeln ins Auge zu fallen und ihnen schön zu tun. Immer flaumiger wurden ihre Blätter, immer weiter sperrte sie ihre Blütenmäulchen auf, noch süßer rührte sie ihren Honigsaft an. Und hast du nicht gesehen, schnurrdiburr reihten sich ihre Blüten wie Kreisel um den Stängel, Etage über Etage, anmutig überdacht durch die grünen Blätter. Ihr schwirrten die Zeilen von Johann Wolfgang von Goethe durch die Säfte: „Was soll uns stets vereinen? Die Lieb.“

Wie wir richtig vermuten, fand Acitru das alles Firlefanz. Pah, sie hielt es vielmehr nach anderen klugen Worten des Dichterfürsten: „Was macht Gewinnen? Nicht lange besinnen! Was bringt zu Ehren? Sich wehren!“. Und kniff ihre Blütenaugen noch mehr zusammen, warf allen Tand ab und beschränkte sich auf das absolut Nötigste. Wappnete sich mit Auswüchsen auf Blattflächen und Stielen. Was jedem schon von Weitem die Lust auf einen Besuch verderben sollte.
Es kam, wie es kommen musste. Die Hummeln taten Muimal nichts zuleide, saugten nur den Nektar aus den Blüten. Aber es gab eben auch unliebsame Zeitgenossen, die nur allzu gerne auch mit saugen wollten – und wenn schon nicht in den Blüten, dann eben an den Blättern. Oje, schon hatten sich die ersten Läuse auf den jungen Blättern Muimals niedergelassen und stachen ihre Rüssel ins zarte Gewebe.

Das passiere ihr eben nicht, feixte Acitru und spitzte ihre Auswüchse zu glasharten Stacheln. Bald strotzte sie vor Wehrhaftigkeit, keine noch so mutige Laus traute sich, ihr nahe zu kommen. Und als wäre es nicht schon genug mit den Waffen, füllte sie die Stacheln auch noch mit einer brennenden Flüssigkeit. Wer den Stacheln nun zu nahe kam, der stach sich nicht nur schmerzhaft daran, sondern er bekam auch noch die ätzende Brühe unter die Haut gejagt.
Ach, was litt Muimal unter den Läusen. Dann kam auch noch ein Käfer und knabberte an ihren Knospen. Und eine Raupe, die sich an ihren Blättern gütlich tat. Muimal war schon völlig verzweifelt. Acitru dagegen blieb von all diesen Leiden verschont. Ob sie vielleicht auch so stachelig, so bissig, so ätzend werden sollte, überlegte Muimal, aber kämen die Hummeln dann noch? Nein, auf die zärtliche Liebelei mit den Hummeln wollte Muimal um nichts, aber rein gar nichts in der Welt verzichten.

Acitru stand waffenstrotzend da. Kein einziges Tier wagte es, mit ihr anzubandeln. Liebe? Damit war es Essig, denn Pflanzen sind in solchen Dingen nun einmal auf tierische Galane angewiesen. Allein der Wind störte sich nicht an der Bissigkeit, er strich Acitru um die Blätter und Blüten. Schüttelte und rüttelte die winzigen Blüten, pustete den Blütenstaub durch die Luft. Eine windige Angelegenheit, das war alles, was Acitru blieb.

Muimal kam eine Idee. Sie zog ihre hübschen Blüten ein klein wenig tiefer unters Laub zurück, so dass sie auf Anhieb nicht mehr entdeckt wurden. Die Hummeln, an Muimals Duft gewöhnt, fanden sie trotzdem. Ihre Blätter, die denen Acitrus doch sowieso schon sehr ähnelten, glich sie dem abschreckenden Beispiel noch inniger an, so dass sie kaum noch zu unterscheiden waren. Läuse, Käfer, Raupen waren verunsichert. Ja, jetzt erschienen Muimal und Acitru wirklich wie Zwillinge. Und jeder von uns weiß, wie schwer es ist, Zwillinge auseinander zu halten. Und wie leicht sie uns foppen, hinters Licht führen. Muimal? Acitru? Lieber Abstand halten, bevor man sich die Finger verbrennt.

So konnten sich die beiden Pflanzen des Lebens freuen und ihren Neigungen nachgehen, wachsen und gedeihen, in aller Ruhe Früchte ansetzen und Samen bilden. Sanftmütig und weichherzig die schlaue Muimal, stechend und beißend die vorausschauende Acitru. Ein wirklich bemerkenswertes Zwillingspaar. Wer aber seine Pappenheimer kennt, wer auf die feinen Unterschiede achtet, weiß auch Zwillinge zu unterscheiden und sie immer mit richtigem Namen zu rufen: Lamium und Urtica – Taubnessel und Brennnessel. Ob streichelweich oder brennendscharf, Nesseln sind faszinierend. Gerade jetzt im Frühjahr – da habe ich sie einfach zum (Fr)Essen gern!

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