Wie der Majoran vegan wurde, Teil 2

Seine ganze Mühe umsonst! Blätter voller Aroma, Blütchen fein herausgeputzt, aufs Tête-à-tête mit den Bienen gefreut, so gerne Früchte bekommen… und nun? Der Gärtner hatte die Majoranstängel gebündelt, mit einer Schnur zusammengebunden und in eine Kiste gelegt. Zusammen mit vielen anderen Büscheln von Majoranen, die nur noch matten Geruch von sich gaben. Die Kiste kam zum Metzger nebenan. Dort schnitt man die vielen Majorane kurz und klein, hackte sie fein, wiegte sie rein – in die Leberwurst!

Die fast schon sprachlosen Majoranstängel bekamen gerade noch mit, wie sie von Leberwurstbrei verschluckt wurden, da war’s um sie geschehen. Sie spürten nichts mehr davon, was mit den Leberwürsten geschah. Mit letztem Duft hauchten sie ihre Seele aus. Der Duft waberte aus der Leberwurst in der Metzgerei bis hinüber in den Garten.  Den Kräutern klang die Botschaft übel in alle Poren.

Der Majoranstock im bunten Garten zwischen Minze, Melisse, Salbei, Rosmarin, Thymian und Lavendel sah geköpft und kurzgeschnitten gottsjämmerlich aus, er fühlte sich auch gottserbärmlich. Leberwurst! War das sein Ziel? Den Fleischkonsum dieser Welt mit Würze zu unterstützen? Der Gärtner duschte ihn gründlich mit einer braunen Jauche und murmelte, er solle nur ja schleunigst nachwachsen. Der Metzger hätte schon Nachschub bestellt.

Bald hatte der Majoran seinen Spitznamen weg: Leberwurstkraut. Der Lavendel schwängerte die Gartenluft höhnisch mit „Majo-ran-Leber-tran“ und „Hans-Wurst“, die Minze fügte wolkig ihren Senf hinzu. Die anderen Kräuter dufteten gar etwas von Verrat umher, wie man das Vegetarische nur so hintergehen könne. Nicht mal eine Raupe, nicht mal ein Läuschen dulde man. Und dann ausgerechnet Leberwurst! Dem Majoran wurde es langsam zu dumm.

Übermorgen geht die Geschichte weiter.

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