Tolle Kirschen

Es ist Kirschenzeit! Allerdings meine ich nicht die aus Nachbars Garten, noch süße oder saure, weder Knorpel- noch Herzkirschen, sondern tolle… und zwar im Sinne von töricht, verrückt oder teuflisch, ähnlich wie das toll in Tollwut. Mit der ersten Kirschernte Mitte Juni beginnen nämlich die Tollkirschen im Wald zu blühen.Und mit denen ist nicht gut Kirschen essen…

Umnachten und schaden

Große samtweiche Blätter, lilafarbene Glockenblüten an elegant überhängenden Trieben – die Tollkirsche (Atropa belladonna) ist ein Nachtschattengewächs, verwandt mit Kartoffel, Tomate und Aubergine, Paprika und Chili, Gojibeere und Physalis, Tabak, Stechapfel und Bilsenkraut, Engelstrompete und Enzianstrauch, Petunien und Zauberglöckchen, Alraune und Giftbeere. Nachtschattengewächse, das kann man deuten als Pflanzen, die das Gehirn umnachten und ihm Schaden zufügen. Denn viele Vertreter dieser Familie enthalten Alkaloide, Nervengifte. Nur bestimmte Teile, etwa reife Früchte oder unterirdische Knollen, eignen sich für einen Verzehr – allgemein gilt eher: Finger weg! Vor allem alles, was grün ist, also Chlorophyll enthält. Die Tollkirsche gilt als besonders tückisch, sprich giftig.

Unerwünscht, aber wertvoll

Das rechtfertigt jedoch keineswegs, dass die stattlichen Waldstauden immer wieder umgehauen und „entsorgt“ werden. Zum einen gibt es eine Reihe von Schmetterlingsarten, deren Raupen sich von der Tollkirsche ernähren – wobei die Falter selbst gar nicht so toll aussehen. Totenkopfschwärmer oder Waldkräuter-Blütenspanner können ästhetisch (in unseren Augen) nicht mit bunten Tagfaltern konkurrieren. Tollkirschen sind wichtige Mitglieder im ökologischen Netz. Bienen und Hummeln als Bestäuber, Vögel als Fruchtliebhaber, schnell verrottendes Laub – das Fehlen dieser Pflanze würde mehr als nur eine optische Lücke hinterlassen. Es geht doch auch keinerlei Gefahr von Tollkirschen aus, solange man sie nur bewundert. Also bitte stehen und gedeihen lassen!

Nicht naschen

Atropa, der botanische Gattungsname, geht auf die griechische Schicksalsgöttin Atropos zurück. Als eine der drei Moiren zerschneidet sie den Lebensfaden, den vorher ihre Schwestern Klotho gesponnen und Lachesis abgemessen haben. Der Artzusatz belladonna ist wohl zu deuten, indem sich die Frauen früher Tollkirschensaft in die Augen träufelten, weil dadurch ihre Pupillen groß und leuchtend, sie damit besonders attraktiv – also schöne Frauen wurden. Atropin wird bis heute in der Augenheilkunde verwendet. Nicht zur Nachahmung empfohlen!!!

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