Oft schon war ich vor Großen Brennnesseln (Urtica dioica) gestanden und habe überlegt, warum sie wohl immer in großen Herden (fachsprachlich Horste) auftreten. Und dann auch noch stets sauber nach Geschlecht getrennt – weibliche auf der einen, männliche auf der anderen Seite. Wie früher in der katholischen Kirche oder in der Konfessionsschule. Mögen die sich nicht?

Des Rätsels Lösung findet sich im Untergrund: Brennnesseln entwickeln Wurzelstöcke (Rhizome, unterirdische Sprossachsen) mit langen Ausläufern (Stolonen) – ähnlich wie Erdbeeren, bei denen das aber über der Erde gut zu verfolgen ist.

Die Ausläufer bilden mit der Zeit dichte Knäuel, indem sie kreuz und quer durcheinander wachsen. Daraus sprießen dann viele Triebe – entweder lauter männlich oder lauter weibliche. Jeder Pulk ist genetisch identisch, wenn er aus einer Pflanze hervorgegangen ist. Ein Klon Damen neben einem Klon Herren.


Doch genau um Inzucht zu verhindern und genetische Vielfalt zu fördern, setzen Brennnesseln auf Zweihäusigkeit (das hört man schon beim botanischen Namen, denn „dioica“ bedeutet zweihäusig). So ist sichergestellt, dass sich genetisches Material von einer mit dem einer anderen Pflanze durchmischt, Pollen einer männlichen Blüte immer auf die Narbe weiblicher Blüten anderer Pflanzen gelangt. Die Bestäubung übernimmt der Wind.
Nur in den weiblichen Brennnesselversammlungen entstehen dann auch Früchte mit Samen, dreikantige Nüsschen. In den Männer-Clubs dagegen ist nach dem Ausschleudern des Blütenstaubs Ende Gelände, die Blütenstände welken und fallen ab. Wer also „Samen“, wie die Früchte der Brennnessel botanisch inkorrekt oft genannt werden, sammeln möchte, muss sich an die Damen halten.