La vivo daùras*

Aus dem Tagebuch von Karin Della Vedova – begeisterte Naturliebhaberin und Expertin für Alpines Waldbaden – vielen Dank für diese wunderbaren Zeilen!

Fünf Uhr morgens: „Guten Morgen liebe Sterne!“ Meine Morgenstunden verbringe ich in der Dunkelheit und in der damit verbundenen Stille. Klingt vielleicht komisch, aber auf diese Weise spüre ich wirklich mein Erwachen. Ich recke meinen Hals, um durch die Fensternische am Hausdach den Himmel zu bewundern. Da weiß ich auch gleich, was für ein Wetter kommt. Danach beginne ich ganz in Stille mein tägliches Ritual: Ich genieße die Zeit als Tempus ohne Verpflichtung und Zwänge, still kann ich im Dunkel nur auf mich horchen. Ich höre, wie ich atme und vernehme sogar meinen Herzschlag.

Langsam und achtsam warmes Wasser fürs Tee holen und Feigen einweichen für mein Frühstück. Plötzlich höre ich „krik“…, dann wieder „krik“. Der Verstand wacht prompt auf! Es ist ein neues Geräusch, das habe ich nie gehört, es ist ein kurzes feines „krik“, kein metallischer Klang, einfach so „krik“, dann die Stille. Als ich das kleine Licht unter dem Rauchfang beim Herd einschalten will, höre ich wieder „krik“. Ich schalte wieder aus. Ich spüre eine ruhige Neugier, deshalb gehe ich hinaus zu den Sternen und zu den Bäumen im kleinen Wald. Die Birke draußen im Garten bewegt sich wie eine Fee hinter Schleiern. Es ist windig, so nehme ich die warme Mütze, die wollene Fäustlinge, die kleine Taschenlampe – ciao bis später.

Unter den Sternen spazieren und die noch unberührte frische Luft atmen ist die schönste Art mit allen Sinnen aufzuwachen und sich langsam von den nächtlichen Träumen zu trennen. Die Sterne werden meine Träume mitnehmen und sie der Nacht wieder zurückbringen. Am Abend werden sie neue bringen. Manchmal kommt es mir vor, als ob die Sterne atmen: Sie schimmern pulsierend wie kleine, weit entfernte Lebewesen. Es ist wunderschön. Langsam, langsam, bei jedem Atemzug verbleichen die Sterne bis zum Versenken. Das kann ich zeitlich nie so richtig verfolgen, da der Horizont unbegrenzt ist und ich mich zwischen den Baumspitzen verirre.

Die Bäume rufen mich zur Erde zurück. Mit ihnen denke ich laut, ich streichle ihre Borken, tröste sie in den kalten Tagen und höre, wie sie mit dem Wind rauschen. Langsam kehre ich zurück, so wie die Sterne im Himmel. Die ersten Hauslichte gehen auf, ein Auto kommt, ein kleiner Lieferwagen. Ich begegne auch Menschen. Einige schauen in die Ferne, andere zu Boden, selten leuchtende Blicke. Die Amseln, die laut tix-tix schallen, hüpfen jetzt nicht mehr aus ihren Schlafverstecken, sondern fliegen in niedriger Höhe durch die Morgendämmerung weg.

Ich komme zurück nach Hause und frühstücke. Das Dorf wacht in ganz interessanter Weise auf: nicht willkürlich, sondern nach genauer Zeit, im 10- oder 15-Minuten-Rhythmus. Um Viertel vor kommt vis-a-vis Licht, gleichzeitig fährt der Mann mit dem silbernen Fahrrad zur Arbeit vorbei. Zehn vor, leuchtet es beim Fenster neben dem Kirchturm. Dann folgt eine Pause und bei Halbstunde gibt es wieder Bewegung.

Mittlerweile bin ich mit Frühstücken fast fertig. Meine Vernunft ist eingeschaltet. Mit Vor und-Nachteilen. Die Außenwelt gewinnt jetzt leider Vorrang und verdrängt die Außennatur. Ich bemühe mich, daraus das Beste zu machen. Meine Teetasse spüle ich gleich aus. Sie steht mir irgendwie zu nahe, als dass ich sie in die Spülmaschine lege, zu schmutzigen Tellern und fettigem Küchenzeug, … „krik“!

Ja was ist das? Jetzt will ich nachschauen! So verharre ich still und warte ab, aufmerksam auf jedes Geräusch. „Krik“, da wird es mir plötzlich klar, meine Augen leuchten und meine Seele hüpft vor Freude, ich könnte jubeln!

Mein Strauß Waldzweige, jaaaaaaaa! Nach dem Schnee, als viele Äste unter ungewohnter Last von den Waldbäumen brachen, holte ich bei meinen Waldbesuchen wohlriechende Tannen-, Fichten- und Föhrenäste mit heim. Einen kleinen Strauß für guten Geruch, heimeligen Anblick. Mir kam es mit den Ästen so vor, wie ich als Kind immer Insekten und Vögel vor einem Gewitter retten und mitnehmen wollte.

Kindisch werden! Klingt abwertend, wird aber laut Studien medizinisch positiv bewertet. Ich war immer so: als Kind voller Phantasie, dann in der Pubertät naiv, dann erwachsen und kreativ. Jetzt oft kindisch-lieb. Nun erstaunt und über dieses „krik“ zufrieden: es sind die Zapfen, die jetzt ganz langsam aufgehen, es ist doch wirklich wunderbar. Sie sind in den Wintertagen komplett verschlossen gewesen. Mit dem wenigen Wasser aus der Vase und den ersten lauen Sonnenstrahlen gehen sie mit unbeschreiblicher Stärke aus. Lassen die zarten kleinen Samen herausfallen. Ich staune, werde wieder einmal meiner menschlichen Kleinheit bewusst. Oder umgekehrt werde ich der Größe und der Vollkommenheit der Natur bewusst. Seele und Geist bummeln wie beschwipst und meinen Verstand spielt mit. Was für ein glücklicher Tagesbeginn.

Wenn der Februarwind saust, verfolge ich die winzig kleinen Samen in der Luft und erkenne sie dann auf dem Schnee, der plötzlich voller „Pickerl“ wird: Krik, ist die Kraft der Natur!!! Krik, das ist die Kraft des Lebens!!! Und wieder zeigt sich, wie das Leben immer weiter geht, trotz Hürden und Desastern: Tanne, Fichte, Föhre im Wald verloren beim Schneesturm ihre schönen Äste, voller Zapfen. Die Kraft der Natur vollendet den Zyklus von Vergehen und Werden. Die Samen gehen nicht verloren. Das Leben geht immer irgendwie weiter: meine Föhrensamen bringe ich morgen in den Wald und werde stolz Teil dieser Lebenserscheinung.

*La vivo daùras (esperanto): Das Leben geht weiter!

Aus dem Tagebuch von Karin Della Vedova: Wenn der Tag und die Zapfen erwachen, wird der Zyklus der Natur vollkommen.

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