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Glockige Geheimnisse

Endlich wieder was Blühendes – und ich kann Blüten studieren, um Pflanzen noch besser kennen zu lernen – was ich überaus gerne tue. Das Kleine oder Gewöhnliche Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) erlaubt mir das jetzt schon.

Aus den in der Erde verborgenen Zwiebeln treiben ein paar wenige schmale, blaugrüne Laubblätter, unten eingepackt in eine pergamentartige Hülle.

Zwischen den linealischen Laubblättern schiebt sich ein Blütenstiel empor – je Zwiebel stets nur einer, ein Kennzeichen für die heimische Art. Die Blütenknospe ragt nach oben und ist von einer Spatha umschlossen, die aus zwei häutigen, miteinander verwachsenen Hochblättern besteht. Derart stabil gebaut kann das Schneeglöckchen durch Erde, alte Laubdecken oder harschigen Schnee durchstoßen.

Die Spatha reißt auf, die Blüte schiebt sich heraus und wechselt aus ihrer senkrecht nach oben gerichteten Position allmählich in eine nach unten hängende Stellung.

Die Spatha bleibt erhalten und schützt die noch junge, aber schon nickende Blüte wie ein Dach. Unter drei äußeren, schneeweißen Blütenhüllblättern bleiben drei weitere innere Blütenhüllblätter noch verborgen.

Ist die Blüte voll entfaltet, d.h. haben sich die äußeren Blütenblätter abgespreizt, kommen die inneren drei Blütenhüllblätter zum Vorschein – sie sind höchsten halb so lang wie die äußeren und tragen auf weißem Grund jeweils eine grüne, V-förmige Zeichnung, charakteristisch für die Art Galanthus nivalis. Oberhalb der glockigen Blüte – eigentlich unterhalb der Blütenblätter, denn die Blüte hängt ja über – ist der unterständige Fruchtknoten zu erkennen. Er wirkt auf mich wie ein schlankes grünes Ei. Hier warten die Samenanlagen auf Befruchtung nach Bestäubung.

Die grünen Muster des inneren Blütenkrönchens entsenden Duftstoffe, die Insekten anlocken. Gut zu betrachten im Foto sind auch die Blattadern, durch die Wasser und Nährstoffe zu allen Zellen bis in die Spitzen der Blütenzipfel geleitet werden. Im Zentrum gibt es insgesamt sechs Staubblätter, die anfangs dicht an dicht wie in einer Säule zusammenstehen. Sie reihen sich um den Griffel mit der Narbe, die später weiter herauswächst.

Insekten müssen die Schneeglöckchenblüten von unten anfliegen, um an Nektar und Pollen zu gelangen. Während sie sich an den äußeren Blütenhüllblättern festhalten, werden sie mit Blütenstaub „geduscht“, der von den sich öffnenden Staubbeuteln ausgestreut wird. Eingepudert fliegt das Insekt danach zur nächsten Blüte, dabei streift die Narbe den mitgebrachten Pollen vom Bauch ab – sofern sie empfängnisbereit ist.

Die Blütezeit vom Schneeglöckchen dehnt sich oft über mehrere Wochen aus, von Februar bis März, manchmal von Januar bis April. Dadurch erhöht sich die Chance, dass das Wetter mal passt, Insekten zu Besuch kommen und eine Bestäubung erfolgreich abläuft.

Ist das passiert, entwickeln sich grüne Kapselfrüchte. Diese senken sich zum Boden hin ab. Alles geplant, denn hier können Ameisen die hellbraunen Samen abholen. Jedes Samenkorn verfügt über ein „Ameisenbrötchen“, ein nahrhaftes Anhängsel, was die Ameisen besonders zur Verbreitung motiviert.

Wenn es mit der sexuellen Vermehrung über Insekten nicht klappt, bleibt noch Sebstbestäubung. Oder eine Vermehrung über Tochterzwiebeln. Deshalb bleibt ein Schneeglöckchen auch nie allein. Es gibt immer dichte Tuffs, größere Gruppen oder gleich ganze Teppiche davon.

Ich habe viel zu bestaunen in der nächsten Zeit…

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