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Heilende Weidenrinde

Wer nahe an Gewässern und Feuchtgebieten lebt, wird davon krank – so hieß es früher. Sumpffieber (Malaria), von Stechmücken übertragen, wie auch rheumatische Beschwerden lassen sich durchaus damit in Zusammenhang bringen.

Noch heute sprechen wir davon, dass Feuchtigkeit und Kälte einem in die Knochen kriechen, also Schmerzen in Knochen, Gelenken und Muskeln verursachen oder verstärken können.

Natur hilft Schmerzen lindern

Schmerzen, Fieber und mehr versucht der Mensch schon immer mit Naturheilmitteln zu lindern. Seit der Antike ist die Weidenrinde bekannt dafür, gegen solche Beschwerden zu helfen. Hippokrates empfahl Weidenrinde gegen Gelenkentzündungen und Fieber, Dioskurides gegen Ohren- und Augenleiden. Auch Hildegard von Bingen hatte Weidenrinde in ihrem heilsamen Repertoire, um Blutungen, Fieber, Gicht, Rheuma und Harnleiden zu mildern.

Europäische Fieberrinde

Gemäß der Signaturenlehre waren Heilkundige überzeugt, dass Weiden gegen Sumpffieber helfen müssen, weil diese Krankheit schließlich bevorzugt in dieser Umgebung auftritt. Weil alle Teile, insbesondere die Rinde jüngerer Zweige bitter wie Chinin schmeckt, stellten Mediziner im 18. Jh. einen Zusammenhang mit der Chinarinde her. Die Rinde südamerikanischer Bäume war damals als verlässliches Therapeutikum gegen Malaria berühmt geworden. Als Napoleon mit seiner Kontinentalsperre den Import der Chinarinde unterband, besann man sich auf die europäische Fieberrinde, nämlich die Rinde der Silberweide (Salix alba) und anderer Weiden-Arten.

Wirkstoff Salicin

Der Münchner Pharmazeut Johann Andreas Buchner (1783-1852), ein Spezialist auf dem Gebiet der Alkaloide (entdeckte u.a. entdeckte Solanin in Kartoffeln, Nikotin im Tabak, Berberin in Berberitzen), isolierte 1827 erstmals den schmerzstillenden und fiebersenkenden Wirkstoff in Weidenrinde. Den Namen Salicin erhielt der Extrakt 1829 durch den französischen Apotheker Pierre-Joseph Leroux (1795-1870), abgeleitet vom botanischen Gattungsnamen Salix der Weiden. Aus 1,5 kg Rinde konnte er etwa 30 g gereinigtes Salicin gewinnen.

Vom Salicin zur Salicylsäure

Im Körper wird Salicin in der Leber umgebaut zur eigentlich wirksamen Salicylsäure. Weil dieser Prozess Zeit braucht und eine Schmerzlinderung nach Einnahme erst verzögert eintritt, suchte man nach einer schnell wirksamen Form. Die ersten Präparate hatten schwere Nebenwirkungen, erst die Acetylsalicylsäure, 1897 von Felix Hofmann synthetisiert und 1899 von der Firma Bayer unter dem Namen Aspirin® auf den Markt gebracht, änderte die Lage. Acetylsalicylsäure oder kurz ASS macht den langwierigen Umbauprozess im Organismus unnötig und wirkt schnell. ASS gehört zu den nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR), wirkt schmerzlindernd, entzündungshemmend, fiebersenkend und blutverdünnend. Allerdings hat ASS, wie alle Arzneimittel, auch Nebenwirkungen.

Zurück zum Naturheilmittel

Wer meint, mit Weidenrinde Nebenwirkungen vermeiden zu könne, der irrt. Auch das Naturheilmittel birgt Risiken, nur anders gelagert als die synthetisch hergestellte ASS. Ein Unterschied liegt schon darin, dass in der Weidenrinde ein Vielstoffgemisch Salicin sowie aus Derivaten (etwa Salicortin, Tremulacin, Populin) enthalten ist, dazu auch Flavonoide (z.B. Kämpferol, Quercetin, Luteolin) und Gerbstoffe. Letztere geben Weidenrindenzubereitungen den sehr herben, zusammenziehenden Geschmack und können bei Überdosierung Magen-Darm-Probleme verursachen. Positiv: Weidenrinde belastet die Magenschleimhaut nicht und wirkt nicht blutverdünnend. Allgemein gilt, dass Weidenrindenextrakte eine gute Verträglichkeit zeigen.

Welche Weide wie dosieren

Nicht jede Weidenart, nicht alle Weidenbäume enthalten an jedem Ort zu jeder Zeit eine immer gleiche Menge Salicin. Im Gegenteil, die Wirkstoffmengen in den Rinden schwanken sehr stark, vor allem je nach Art und Jahreszeit. Für eine gute Wirksamkeit wird ein Gehalt von mindestens 1,5 % Salicin gefordert. Dafür kommen neben der Silber-Weide vor allem Purpur-Weide (Salix purpurea), Reif-Weide (Salix daphnoides) und Bruch-Weide (Salix fragilis) in Frage.

Die Rindenernte erfolgt am besten im ausklingenden Winter bis zeitigen Frühjahr, also etwa Ende Februar bis Mitte März, wenn Erle und Hasel blühen. Dann sind die Salicin-Gehalte erfahrungsgemäß am höchsten. Laut Empfehlung der Fach-Kommissionen ist eine Dosis von 8-15 g Weidenrinde pro Tag in Form von Tee (wässriger Auszug, Infus bzw. Dekokt) angezeigt. Es folgt das obligatorische Aber: Es ist nicht gewährleistet, dass genügend Salicin im Tee ist, um auch zu wirken – dies läuft nur über standardisierte Zubereitungen der Pharmazie.

Und sie wirkt doch?!

Obwohl in Weidenrindenpräparaten viel weniger Salicin enthalten ist als in ASS-Medikamenten (nur ein Zehntel bis maximal ein Drittel), wirken sie doch oft gut, weil eben mehr Stoffe dazu beitragen.

Wer auf Weidenrinde vertraut, um Schmerzen herunterzufahren, Erkältungen erträglicher zu gestalten, Rheuma-Probleme zu minimieren, der kann jetzt ernten: Von jungen, etwa bleistiftdicken Zweigen die äußere Rinde herunterziehen, trocknen und aufbewahren. Vor der Verwendung gut zerkleinern oder noch besser pulverisieren.

Infus: 1 TL Weidenrinde mit 200 ml heißem Wasser übergießen, 10 Minuten ziehen lassen, abfiltern und trinken – 1-3mal täglich.
Dekokt: 1 TL Weidenrinde mit 250 ml Wasser aufkochen, 15 Minuten köcheln lassen, abfiltern und trinken – 1-3mal täglich.
Empfehlenswert: Damit die Gerbstoffe nicht zu sehr auf Magen und Darm wirken, den Tee jeweils nach einer Mahlzeit einnehmen.

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2 Gedanken zu „Heilende Weidenrinde“

  1. Guten Morgen Frau Greiner,
    zur Weidenrinde habe ich eine Frage an die Expertin: meine Mutter, 85 Jahre hat Rheuma und soll wegen einer geschwächten Niere möglichst keine Schmerzmittel nehmen. Nun kam ich schon vor einer Weile auf den Gedanken es mit Weidenrinde zu probieren wurde aber darauf hingewiesen, dass man das bei Nierenschwäche nicht nehmen darf. Wie denken Sie darüber?
    Herzlichen Grüsse aus dem nebligen Südbaden
    Caroline

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    • Kontraindikationen für Weidenrinde (siehe auch Monografie der HMPC: HMPC Weidenrinde)
      – Überempfindlichkeit gegenüber Salicylaten oder NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika)
      – Magengeschwüre
      – Asthma oder Bronchitis aufgrund von Salicylatunverträglichkeit
      – Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel
      – schwere Leber- oder Nierenerkrankungen
      – Blutgerinnungsstörungen (Weidenrinde kann Wirkung von Antikoagulantien und Cumarinen verstärken)
      – Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre (Reye-Syndrom)
      – Schwangere im dritten Semester der Schwangerschaft
      Besteht eine schwere Nierenerkrankung (Nierenschwäche), sollte auf Weidenrinde verzichtet werden.

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