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Glitzer, Glitter, Glamour

Das große Fest zum Jahresausklang steht bevor, da muss es funkeln und blitzen. Das tun zwar die Sterne am Himmel schon immer, nicht allein über dem Stall in Bethlehem zu jener besagten Nacht. Aber das genügt heute anscheinend nicht mehr. Sie wollen massenhaft Bling-Bling. Kugeln, Kerzen und Kränze sollen ebenso glitzern wie Kleider, Fingernägel, Make-up und mehr. Glitzerndes fasziniert die Menschen seit eh und je. Die magische Anziehungskraft von Gold, Diamanten, Pailletten oder billigem Flitter beruht nach Ansicht von Psychologen darauf, dass wir es mit dem Lebenselixier Wasser, mit Reichtum und Luxus, mit einem Entfliehen aus dem Alltag assoziieren. Glitzer ist eindeutig positiv besetzt.

Vom Glitzern der Natur

Mit Schönem und Erhabenem, was das Leben glänzen lässt, beschäftigten sich Philosophen wie Immanuel Kant und Friedrich Schiller ebenso wie Dichter wie Emanuel von Bodman oder Johann Wolfgang von Goethe. Von Bodman schwärmt im Liebesgedicht „Der Morgen“: „Dein Fenster glänzt, dein ganzer Garten / Glitzert im ersten Tau. / Ich bin früh ausgegangen / In freudigem Verlangen. / Die Blumen stehn wie Bräute da, / Mit Staunen und mit Bangen / Den Glanz der Sonne zu empfangen.“ Von Gothe stammen die Zeilen: „Große Lichter, kleine Funken / glitzern nah und glänzen fern…“. Er meint damit die Sterne am nächtlichen Firmament und wie sie im Wasser des Sees bei Mondlicht funkeln. Im Volkslied wird das Glitzern von Schnee und Eis besungen: „Das glitzert und flimmert / und leuchtet so weiß. / Es spiegelt die Sonne / im blitzblanken Eis.“ Oscar Wilde rät, nach Sternen zu suchen, wenn es dunkel ist, jedoch nach Regenbögen, wenn es regnet. Brilliant, das Funkeln, das Glitzern in der Natur, oder?

So überirdisch und wundersam uns das Glitzern vorkommt, so klar lässt sich das Phänomen mit Physik erklären. Lichtbrechung und -reflexion, Lichtbeugung und Interferenz sind die Ursachen des Glitzerns. Dadurch blitzen Dinge im Licht in kleinen, aber kräftigen silbrig-bunten Funken vielfältig auf. Wir staunen über das schillernde Gefieder von Vögeln wie Kolibri oder Saatkrähe. Lichtstrahlen werden durch eingelagerte Luft gebrochen, was gemeinsam mit Pigmenten in den Federn zu den glänzenden, lebhaft changierenden Effekten führt. Wir bewundern Rosenkäfer mit ihren goldglänzenden Körpern, Fische mit ihren silberschimmernden Schuppen, Libellen mit irisierenden Facettenaugen, Schmetterlinge mit ihren bunt flimmernden Flügeln – was ihnen die Bezeichnung Edelsteine der Lüfte eingebracht hat.

Glitzernde Juwelen unter den Pflanzen

Im bunten Reich der Pflanzen gibt es wahre Kleinodien, etwa die Juwelenorchideen. Diese auch Schmuckorchideen genannten Gewächse bestechen nicht etwa mit spektakulären Blüten, sondern mit aufregend gezeichneten, im Licht glitzernden Blättern. Das macht sie zu kostbaren, aber anspruchsvollen Zierpflanzen, auf heimischen Fensterbänken findet man ab und zu Ludisia discolor.

Glitzerpflanzen? Gibt es, aber ich meine damit nicht Weihnachtssterne oder andere Gewächse, die künstlich mit Glitter besprüht werden, weil ihre natürliche Pracht nicht prächtig genug anmutet. Wie mit Diamantsplittern übersät wirken die Blätter so einiger Pflanzen, etwa vom Zebrakraut (Tradescantia zebrina), auch Silber-Dreimasterblume oder volkstümlich Glitzerpflanze genannt. Die in Mittelamerika heimische, bei uns vor allem in Ampeln gezogene Zimmerpflanze erregt mit Blättern Aufsehen, die unterseits purpurn, oberseits blaugrün und silbern gestreift sind. Aufgrund ihrer Behaarung glitzern sie je nachdem, wie das Licht auf sie fällt.

Solches Glitzern macht auch das Eiskraut (Mesembryanthemum crystallinum) zum Hingucker. Die südafrikanische Sukkulente heißt auch Eisblume, Eiskaktus, Diamantenkraut oder Kristall-Mittagsblume. Kenner ziehen das Mittagsblumengewächs (Aizoaceae) im Garten oder Balkonkasten, um die saftig-fleischigen Blätter für Salat und Gemüse zu nutzen. Glasige Papillen, d.h. warzenähnliche und Wasser speichernde Erhebungen auf den Blättern erzeugen eine Wirkung, als seien die Pflanzen mit Eiskristallen überzogen: Eis, das selbst unter sengender Sonne und bei brütender Hitze nicht schmilzt, sondern umso mehr glitzert.

Trichome (Haare), Papillen und Schuppen bringen noch viele weitere Pflanzen zum Funkeln, z.B. Silber-Weide (Salix alba), Schmalblättrige Ölweide (Elaeagnus angustifolia) oder Sanddorn (Hippophae rhamnoides). Kelch- und Tragblätter der Blüten von weiblichen Exemplaren der Hanfpflanze (Cannabis sativa) haben Drüsenhaare, in denen die typischen sekundären Inhaltsstoffe gebildet werden. Am Glitzerstatus erkennen Grower den richtigen Erntezeitpunkt von Cannabis.

Wie frisch lackiert und mit Butter veredelt

Bild: Simone Braun

Nicht mehr lange, dann schieben sich wieder die Blüten vom Scharbockskraut (Ficaria verna, Ranunculus ficaria) dem Frühlingshimmel entgegen. Angestrahlt von der Sonne glitzern sie auf, sehen aus wie frisch lackiert – danach tragen sie vor allem in der deutschsprachigen Schweiz den Volksnamen Glitzerli. Als Glitzenpfännlein bezeichnet man Blumen wie Scharfen Hahnenfuß (Ranunculus acris), Sumpfdotterblume (Caltha palustris), Echte Schlüsselblume (Primula veris) und Trompetennarzisse (Narcissus pseudonarcissus). Bei allen glitzern die gelben Blüten im Sonnenlicht, dank besonderer Eigenschaften. Für funkelnde Reflexionen sorgen Öltröpfchen, Nektarfilme oder eine besondere Gewebeschichtung, oben leuchtend gelb durch Carotinoide, darunter weiß spiegelnd durch Stärke. Der fettige Glanz der Blüten, als wären sie mit Butter oder Schmalz eingestrichen, hat vielen Pflanzenarten den Namen Butterblume bzw. Schmalzblümchen eingetragen, allen voran dem Scharfen Hahnenfuß, aber auch der Sumpfdotterblume oder der Trollblume (Trollius europaeus) und weitere.

Glitzernde Wassertropfen

Liegt Tau auf den Pflanzen, so glitzern sie unweigerlich, wenn die Morgensonne auf sie fällt. Regentropfen können ebenso für glänzende Momente sorgen, sogar auf bereits abgestorbenen Blättern. Jetzt im Winter fällt das etwa auf Eichen- oder Pappelblättern am Boden auf, denn die wasserabweisenden Blattoberflächen lassen Feuchtigkeit zu glitzernden Perlen zusammenlaufen. Noch viel auffälliger blinken die Wassertropfen, die das rundliche Blatt eines Frauenmantels (Alchemilla) wie mit einer edlen Perlenkette verzieren. Diese Guttationstropfen bringen auch Kleiner Wiesenknopf (Sanguisorba minor), Wald-Erdbeeren (Fragaria vesca), Giersch (Aegopodium podagraria), Acker-Schachtelhalm (Equisetum arvense) und viele weitere Gewächse zum Glitzern, selbst Gräser tragen aufblitzende Wassertropfen an den Spitzen ihrer Blätter.

Tropfen ganz anderer Art bringen die flach den Boden aufliegenden Blätter der Fettkräuter (Pinguicula) zum Glitzern: die Oberfläche ist von einem klebrigen Sekret überzogen. Das dient zum Einfangen von winzigen Mücken, Ameisen oder Pollenkörnern, die dann mit Enzymen „verdaut“ werden und so den Pflanzen das Überleben an extrem kargen Standorten ermöglichen. Durch glamouröses Gefunkel werden nicht nur wir Menschen angelockt, sondern auch Insekten. Florales Beispiel gibt der Sonnentau (Drosera). Beim Rundblättrigen Sonnentau erscheinen die Blätter, über und über mit Tentakeln besetzt, an denen je ein glitzernder Klebetropfen hängt, fast schon wie Disko-Kugeln. Verhängnisvoll für geflügeltes Volk in Partystimmung. Botanisch Interessierte bleiben am funkelnden Schmuck aber ebenso daran kleben, im übertragenen Sinn.

Spieglein, Spieglein am Wegesrand

Eine Blüte mit violettem Rahmen um eine helle, reflektierende Innenfläche, das erinnert an den Handspiegel der Göttin Venus – und genau danach heißt ein heute selten gewordenes Glockenblumengewächs Venus- oder Frauenspiegel (Legousia speculum-veneris). Gemäß der Mythologie hatte Venus einst einem Zauberspiegel, der jedem, der sich darin sah, makellose Schönheit verlieh. Doch sie verlor ihn einst, seitdem blüht er als Unkraut in Getreidefeldern, wo sein Glitzern kaum auffällt.

Ein glänzender, funkelnder Spiegel ergibt sich auch bei den großen Blättern vom Huflattich (Tussilago farfara). Dafür müssen sie zuerst präpariert werden: Der filzige Überzug auf der Unterseite wird von der Mitte aus zu den Rändern hin wie zu einem Rahmen weggeschoben, damit eine glatte Fläche entsteht. Hält man das Blatt dann ins Wasser, bildet sich innerhalb der filzigen Umrandung zwischen der wasserabweisenden Blatthaut und dem Wasser eine dünne Luftschicht, die wie ein silberner Spiegel das Licht zurückwirft – absolut Bling-Bling! Die Erklärung dafür liefert der sog. Salvinia-Effekt, benannt nach dem Schwimmfarnen, von denen der Gewöhnliche Schwimmfarn (Salvinia natans) in Mitteleuropa vorkommt. Krönchenförmige Haare auf den mit Luftkammern gefüllten Schwimmblättern sind dank eines Wachsüberzugs superhydrophob, also extrem wasserabweisend. Zwischen ihnen hält sich eine Luftschicht, wenn die Blätter unter Wasser geraten. Die Luft sorgt für zusätzlichen Auftrieb, wodurch die Blätter umgehend wieder auftauchen. Doch auf den ersten Blick glitzern diese Luftpolster einfach zauberhaft.

Glitzernde Geschenke der Natur

Wozu also brauchen wir Glitter Glue und Glitzernagellack, Kunstflitter und Lametta, wenn es doch so viel Glitzerndes und Spiegelndes natürlichen Ursprungs gibt? Funkelnde Diamanten und blitzendes Gold sei jedem gegönnt, aber sind nicht die unverhofften Glitzermomente viel wertvoller? Ich hole Euch die Sterne vom Himmel und schenke Euch unschätzbare Glitzerwelten, Ihr müsst sie nur mit mir entdecken gehen.

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