Bibernellen: machtvolle Wurzeln

Gelbe Rübe, Sellerie und Fenchel, uns allen bekannte Gemüse. Kümmel, Anis und Koriander, uns allen vertraute Gewürze. Petersilie, Dill und Kerbel, uns allen geläufige Küchenkräuter. In deren Verwandtschaft, zu den Doldengewächsen gehören auch die Bibernellen (Pimpinella). Doch die kennt nicht jeder. Dabei sind sie weit verbreitet und waren einst hochgeschätzte Heilpflanzen. Verwechslungen haben sie wahrscheinlich ins Abseits gerückt, denn wer oder was darf sich eigentlich Bibernelle nennen?

Wie Kraut und Rüben

Wo die Begriffe Bibernelle, Bibernell, Pimpinelle, Pimpernell  ihren Ursprung haben, liegt im Dunkel der Geschichte. Es gibt sehr unterschiedliche Deutungsversuche. Pimpinella, das lateinische Kinderwort für kleines Ding, sagen die einen. Nach niederdeutsch beven für beben, meinen andere, weil die Blütenköpfchen und Staubgefäße beim leisesten Windzug schwanken. Manche bringen auch dem Spottnamen Bippernell für eine nicht so ganz schlaue Weibsperson bei Hans Sachs ins Gespräch, andere den schweizerischen Ausdruck Pimpernelle für eine ganz und gar nicht gertenschlanke Frau. Vielleicht sind die Namen auch auf lateinisch piper für Pfeffer zurückzuführen, weil ihre Wurzeln beißend scharf schmecken.
Wo der Hase auch im Pfeffer liegen mag, in jedem Fall führt er heute vielfach zu Verwirrungen. Schon Hieronymus Bock schrieb 1539 in seinem Kräuterbuch: „Helff, Gott, was hat diese gemeyne wurztel sich müssen leiden bei den gelerten! Haben sie alle darüber gepumpelt und gepampelt, doch nie eygentlich dargethon wie sie bei den alten heyss oder was sie sei.“. Denn mit Pimpinelle oder Bibernelle spricht das Volk gleich mehrere Pflanzen an. Zwei davon gehören zu den Doldenblütlern, eine zu den Rosengewächsen. Hier dreht alles um die beiden ersten, die dritte, der Kleine Wiesenknopf (Sanguisorba minor) soll als Küchenwürze nur nebenbei erwähnt werden.

Große Bibernelle (Pimpinella major)

Sie wächst verbreitet auf Fettwiesen und im Grünland. Oft bekommt man nur ihre kräftigen Blätter zu Gesicht, denn bevor sie Blütenstängel treiben kann, wird schon gemäht. Wo Wiesen dann doch mal länger stehen bleiben, zeigt die Große Bibernelle bis einen Meter hohe, gerillte Stängel. Er trägt eine weiße, in höheren Lagen der Alpen rosafarbene Blütendolde.

Kleine Bibernelle (Pimpinella saxifraga)

Viel zierlicher gibt sich die kleine Schwester der Bibernellen. Sie wird nur ungefähr halb so hoch, trägt feinere Blütendolden und kleinere Blätter, die denen des Kleinen Wiesenknopfs sehr ähneln. Nie ist sie in unmittelbarer Gesellschaft mit der Großen Bibernelle zu finden, denn sie bevorzugt magere Wiesen. Beide Bibernellen sind ausdauernd, erneuern sich aus einer kräftigen Pfahlwurzel. Und auf die Wurzeln kommt es an.

Pestwurzel

Der Schwarze Tod, aber auch die Cholera rafften im Mittelalter unzählige Menschen dahin. Vor den hochgradig ansteckenden Infektionskrankheiten fürchtete sich jeder. „Esst Baldrian und Bibernell, dann sterbt ihr nit so schnell!“ hieß damals ein weiser Spruch, ähnliches empfahl die Weisheit „Bibernell und Stänz (Meisterwurz) ist gut für die Pestilenz“. Bibernellenwurzeln galten als mächtiges Heilmittel, wurden gar als Deutsche Theriakwurzel, also als Allheilmittel schlechthin gegen jegliche Krankheiten verehrt. Zum Glück sind Pest und Cholera in Mitteleuropa keine Bedrohung mehr, schon deshalb gerieten die Bibernellen in Vergessenheit. Aber es gibt noch viele andere Leiden.
Sebastian Kneipp,  Johann Künzle und Hermann-Josef Weidinger, die bekannten Kräuterpfarrer aus Deutschland, Schweiz und Österreich, hielten viel von Bibernellenwurzeln als Heilmittel bei Husten und Katarrhen. Und genau in diesem Bereich liegen die Stärken der Heilpflanzen, was die moderne Phytotherapie auch unterstreicht. Heiserkeit, Rachenentzündungen, Angina, Bronchitis wie Asthma kann man mit Zubereitungen aus Bibernellenwurzeln gut behandeln.
In der Volksheilkunde setzt man die Wurzeln auch bei Magen-Darm-Beschwerden ein. Sie gelten zudem als harntreibend und menstruationsfördernd, äußerlich angewandt sollen sie Wunden schneller heilen lassen. Man findet Bibernellwurzel noch immer in Kräuterlikören und in einigen Fertigarzneimitteln gegen Husten. Auf dem Land hat man früher die Früchte in Salz eingelegt und dem Vieh bei Seuchen zur Kräftigung eingegeben. Bei einem großen Viehsterben soll einer Sage nach einst eine geheimnisvolle Stimme geraten haben: „Nehmt Bibernell und Tormentill (Blutwurz), wer sein Viehchen retten will.“

Schreiben Sie einen Kommentar

Item added to cart.
0 items - 0,00