Es braucht ein wenig Geduld, um die Zeilen wirklich zu verstehen, wenn man nicht gerade des Alemannischen mächtig ist. Aber laut lesen hilft, der Sinn der Verse erschließt sich bald:

Der Knabe im Erdbeerschlag
E Büebli lauft, es goht in Wald
am Sunntig Noomittag;
es chunnt in d’Hürst un findet bald
Erdbeeri, Schlag an Schlag;
es günnt un ißt si halber z’tot
un denkt: Das isch my Obebrot.
Un wie n es ißt, se ruuscht’s im Laub;
es chunnt e schöne Chnab.
Er het e Rock wie Silberstaub
un trait e goldige Stab.
Er glänzt wie d’Sunn am Schwyzer Schnee.
Sy Lebe lang het’s nüt so gseh.
Druf redt der Chnab my Büebli a:
„Was issisch?I halt’s mit!“
„He, nüt !“ sait’s Büebli, luegt en a
un lüpft sy Chäppli nit.
Druf sait der Chnab: „He, issisch nüt,
du grobe Burst, se battet’s nüt!“
Verschwunden isch my Chnab, un ’s stöhn
di nöchste Hürst im Duft;
druus fliegt en Engeli wunderschön
uf in die blaui Luft;
un ’s Büebli stoht un luegt ein no
un chratzt im Hoor un lauft dervo.
Un siider isch kai Sege meh
im Beeri-Esse gsi.
I ha my Lebtig nüt so gseh,
si bschießen ebe nie.
Iß Hampfle voll, so viil de witt,
si stille der dy Hunger nit!
Was gib i der für Lehre drii?
Was saisch derzue? Me mueß
vor fremde Lüte fründli sii
mit Wort un Red un Grueß
un’s Chäppli lüpfe z’rechter Zyt;
sust het me Schimpf un chunnt nit wyt.
Johann Peter Hebel (1760- 1826)

Leichter tut Ihr Euch mit dieser Version:
Der Knabe in den Erdbeeren
Ein Junge läuft, es geht zum Wald,
Am Sonntag ist es spät;
Er kommt zum Busch, da find’t er bald
Erdbeeren wie gesät
Er pflückt und isst sich halb zu Tod‘
Und denkt: „das ist mein Abendbrot.“
Und wie er isst, da rauscht das Laub,
Es kommt ein schöner Knab‘,
Er hat ein Kleid wie Silberstaub,
Trägt einen goldnen Stab,
Hell wie die Sonn‘ auf Schweizerhöhn,
Nie hat man solchen Glanz geseh‘n.
Der Knabe spricht mein Jüngchen an:
„Was isst du? Zeig‘ einmal!“
„Nichts,“ sagt der Junge, sieht ihn an,
Rührt nicht die Mütz‘ einmal.
Drauf spricht der Knabe: „Isst du nichts,
Schon gut, so nütz es dir auch nichts.“
Weg ist der Knabe; sieh, da stehn
Die nächsten Büsch‘ im Duft;
Draus fliegt ein Engel wunderschön
Auf in die blaue Luft.
Da steht mein Junge, spricht kein Wort,
Kratzt sich im Haar und macht sich fort.
Seitdem ist auch kein Segen nicht
Im Erdbeeressen drin.
Mein Lebtag sah ich so was nicht,
Kein Mensch wird satt darin.
Iss Hände soll, so viel du willst,
Denk nicht, dass du den Hunger stillst.
Was mag davon die Lehre sein?
Was meinst du wohl? – Man muss
Vor fremden Leuten freundlich sein
In Wort und Red‘ und Gruß,
Die Mütze ziehn zur rechten Zeit,
Sonst hat man Schand‘ und kommt nicht weit.
