Baum und Astern

„Warum blüht in Herbstestagen,
Astern ihr?“ so sprach der Baum;
„Längst vorüber ist des Lenzes
Wonnevoller Blütentraum.“

„Tor,“ so rief die Schar der Astern,
„Nach den Sommertagen schwül
Ist die schöne Zeit gekommen,
Linder Wind umrauscht uns kühl.“ –

„Blühet weiter, Herbsteskinder,
Bis die Winterstürme weh’n,
Freut euch, dass ihr Maienwonne
Nie empfunden, nie geseh’n!“

Also sprach der Baum, der alte,
Als der Astern Wort verklang,
Und er träumte, schlummertrunken,
Von der Nachtigall Gesang;

Von dem Vöglein, das im Lenze
Singend, jubelnd zu ihm kam;
Von den holden Frühlingsliedern,
Die die Aster nie vernahm.

Friedrich Emil Rittershaus

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