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Die „Kleine Tollkirsche“

In Laubwäldern, unter den schattenden Kronen der Bäume könnt Ihr derzeit eine Pflanze mit besonderen Früchten entdecken. Wer den Namen hört, wird dieses Gewächs auf der Stelle erkennen, selbst wenn er sie vorher noch nie gesehen hat. Es ist die Vierblättrige Einbeere, botanisch Paris quadrifolia aus der Familie der Germer- oder Schwarzblütengewächse (Melanthiaceae). Heidelbeer- bis kirschgroße, seltsam blau gefärbte Beeren, wie auf einem Tablett aus vier großen Blättern präsentiert, haben der Pflanze zu seltsamen Namen und unerhörten Geschichten verholfen.

Fantasievolle Namensfülle

Sternkraut, Krähen- oder Sauauge, Glotz- oder Spinnenbeere erklären sich von selbst. Crux Christi oder Kreuzblatt nannte man sie ehrfuchtsvoll wegen der Blattanordnung, aber auch Venussiegel oder Venusnabel wegen des Fruchtknoten oder der Frucht. Namen wie Teufelsbeere, Wolfstraube, Schlangenkraut, Tollkirsche oder Aconitum salutiferum (= heilsamer Eisenhut) besagen, dass die Pflanze giftig ist und man sie tunlichst nicht verzehren sollte. Es würde einem gar der Bauch platzen oder die Gedärme zersprengt werden, wenn man die Platz- oder Sprengbeeren äße. Wie so oft kam die Giftpflanze dann aber doch heilkundlich zum Einsatz, etwa gegen Pestbeulen oder andere Geschwüre. Alte Rezepturen zufolge seien die Einbeeren mit Seidelbast, Schwalbenwurz, Engelwurz und anderen Ingredienzien in Wein bzw. Essig zu mischen – wer das Mittel dann überlebte, der entkam auch der Seuche.

Kraut des Teufels, Kraut der Liebe

Den botanischen Namen Paris quadrifolia hat das Gewächs von Carl von Linné erhalten. Paris wird auf der ersten Silbe betont und hat nichts mit der französischen Hauptstadt zu tun. Es mag sich von griechisch „par“ für Paar ableiten, weil die vier Blätter in kreuzweise zueinander angeordneten Paaren stehen. Andererseits kann es aber auch mit dem trojanischen Königssohn Paris zu tun haben.

Das Urteil des Paris – Sandro Botticelli

Eris, die Göttin der Zwietracht, wirft bei der Hochzeit von Peleus und Thetis beleidigt einen Apfel mit der Aufschrift „Der Schönsten“ unter die Gäste, weil sie nicht eingeladen worden war. Daraufhin entbrennt zwischen den Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite ein Streit. Paris, der Königssohn von Troja, wird als Schiedsrichter auserkoren. Die Göttinnen buhlen darum, dass Paris ihnen den Apfel für die Schönste zuerkennt. Hera verspricht ihm die Herrschaft über die Erde, Athene allumfassende Weisheit, Aphrodite die Liebe der schönsten Frau der Welt. Und für wen entscheidet sich der Jüngling? Natürlich für die Liebe. Athene führt ihm die schöne Helena zu. Und sogleich muss das frisch verliebte Paar Reißaus nehmen, denn Helena ist mit dem spartanischen König Menelaos verheiratet und der gehörnte Ehemann will die Schmach nicht hinnehmen. Paris und Helena fliehen nach Troja, Menelaos und seine verbündeten Griechen hinterher. Es kommt zum Krieg, dem Trojanischen… Und was hat die Pflanze damit zu tun? Ihre vier Laubblätter stehen symbolisch für die vier Protagonisten, die Göttinnen und Paris, der schwarze Fruchtknoten für den Zankapfel.

Herb Paris nennen die Engländer die Einbeere. Aus dem Aberglauben, dass blaue Blüten und Früchte teuflischen Ursprungs seien, entstand der Namen Devil-in-a-Bush. Man hütete sich davor, solche Pflanzen ins Haus zu tragen, denn damit holte man sich das Unglück hinein. Ganz im Gegensatz dazu gibt es aber auch den Namen True-Lovers-Knot, in Bezug auf ein altes Hochzeitsritual, bei dem die Hände des Paares auf besondere Weise mit einem Band zusammengefügt werden.

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