Heutzutage ist sie fast nur noch Zierpflanze, die schöne Weinraute (Ruta graveolens). Dabei hat sie doch so viel zu bieten! Es wird höchste Zeit, altes Wissen wieder zu beleben.
Gegen böse Geister

Die Weinraute gilt als uraltes Abwehrmittel gegen böse Geister, denn die können den Duft nicht überwinden. Tote bekamen ein Bündelchen Weinraute, auch Totenkraut genannt, in die Hände oder ein Rautenkränzchen auf die Brust gelegt, damit sie unbehelligt vom Bösen in den Himmel gelangen konnten. Beim Jüngsten Gericht sollten sich die Weinrauten dann in Goldblumen verwandeln. Den stärksten Duft verströmen die kleinen Früchte, die wie winzige, unreife Apfelsinen aussehen (tatsächlich ist die Weinraute mit Orangen und Zitronen verwandt, alle gehören zur Familie der Rautengewächse).
Zauberkräftig

Wer eine Frucht findet, die statt der üblichen vier gleich fünf Knöpfchen trägt, der besitzt ein besonders zauberkräftiges Mittel.
Blume der Ophelia

Zu Shakespeares Zeiten brachte man der Weinraute hohes Ansehen entgegen. Der Dichter erwähnt sie in mehreren seiner Stücke, z.B. in Hamlet, dort als eine von Ophelias Pflanzen. Ophelia gibt der Königin einen Blumenstrauß und sagt: „There’s rue for you and here’s some for me” (Da ist Wein-Raute für dich und hier ist welche für mich) und ergänzt: „O you must wear your rue with a difference.” (Oh, du musst deine Raute unter einem anderen Vorzeichen tragen). Rue bedeutet im Englischen bereuen – was will Ophelia damit sagen? Bezieht sie sich auf die Giftigkeit der Pflanze, auf ihre Verwendung als Abortivum?
Sinnbild der Bitterkeit
Die Weinraute steht mit ihrer ausgesprochenen Bitterkeit und ihren hautreizenden Blättern (die Pflanze wirkt wegen der enthaltenen Furanocumarine phototoxisch) für Reue, Trauer und Leid, wird demnach auch Kraut der Buße genannt, in späterer Zeit Kraut der Gnade. Daher mischte man dem Weihwasser auch gerne Weinrautenstängel bei.
Mächtiges Schutzkraut
Früher legten die Mütter ihren Töchtern einen Weinrautenblatt in den Schuh, damit sie nicht vom falschen Mann verführt würden. In Oberbayern trug ein Mädchen oft Weinraute und Widertonmoos (auch Haarmützenmoos, Goldenes Frauenhaar oder Widritat genannt) am Mieder. Kam ihr ein Mann zu nahe, und roch er den Duft, musste er weichen. „Raut und Widritat ham mi um mei Dirndl bracht!“ In Frankreich heißt das filigrane Gewächs herbe à la belle fille, das Kraut der schönen Mädchen. Es wurde früher als Abtreibungsmittel verwendet – und leider oft mit dem Tod bezahlt.
Vorsicht ist geboten

Weinraute heißt das Kraut deshalb, weil man mit den sehr würzigen, dabei aber auch stark bitteren Blättern früher den Wein würzte. Um dessen Haltbarkeit zu verlängern und ihn auch besser verträglich zu machen. Bei Überdosierung kann Weinraute Schwindel bis hin zur Ohnmacht verursachen, die Zunge anschwellen lassen oder auch Krämpfe hervorrufen. Doch der sehr eigenartige Geschmack verhindert in der Regel, dass man davon allzu viel isst. Ich mische ein kleines Blatt mit 3 Wacholderbeeren, einem Lorbeerblatt und zwei Thymianzweiglein – als Wildgewürz. Oder ich mische etwas Weinrautenkraut mit Zitronen- oder Limettenschale und würze damit Fisch. Und natürlich gehört etwas Weinraute in einen anständigen Magenbitter.
Hat noch jemand ein Rezept mit Weinraute?
War das nützlich?
Ich verfeinere Grappa mit einem Zweig Weinraute….das gibt ihm noch einen besonderen touch… und Bedeutung 😉
Das ist ja mal eine tolle Idee, liebe Andrea – muss ich gleich ausprobieren!
Karin