Ein weiteres Beispiel für Heilpflanzen, die schon fast vergessen sind, noch mehr aber missachtet werden: der Vogel-Knöterich (Polygonum aviculare). Häufig in Gemeinschaft mit Breit-Wegerich (Plantago major) und Strahlenloser Kamille (Matricaria discoidea) als trittfeste Pflanze auf der ganzen Welt anzutreffen, als hartnäckiges Samenunkraut auf Äckern unerwünscht, als Rasenverschandler auf Golfplätzen gehasst, scheint der Vogel-Knöterich nur bei Vögeln als Futterlieferant beliebt zu sein. Das hört man an Bezeichnungen wie Hühnergras, Spatzechrut, Vogelkraut, goose-grass oder herbe d’oison. Die italienischen Namen Erba dei centi nodi oder Erba spaghetta beschreiben dagegen sehr gut die Gestalt: Tausend Knoten scheinen die schnurartigen Triebe zu gliedern.

Das einjährige Knöterichgewächs hat es ganz gern, wenn auf ihm herumgetrampelt wird. Dabei werden seine langen, sehr widerstandsfähigen Triebe besser auf die Erde angedrückt, wo sie sich umgehend bewurzeln. Zudem haften die winzigen, jahrhundertelang keimfähig bleibenden Nussfrüchte an Sohlen wie Reifen und werden so verschleppt. Kaum verwunderlich, dass der Vogel-Knöterich weltweit häufig auftritt. Wo er sich früher als Hansl am Weg oder Dreckreck im Dorf, am Feld oder anderen Stellen mit nackter Erde überall breit machen konnte, muss der Unvertritt heute mühsam letzte Wuchsorte auf überall befestigtem Terrain erobern. Was ihm aber gut gelingt.

Blutwurz, Blutkraut, Blutgarbe, Blutstillkraut – wer diese Namen hört, denkt wohl zuerst an ein Rosengewächs, nämlich die Blutwurz (Potentilla erecta). Diesen Titel tragen jedoch mehrere Pflanzen, neben Großem Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis), Knotiger Braunwurz (Scrophularia nodosa) und weiteren eben auch der Vogel-Knöterich. Allen gemeinsam ist der hohe Gehalt an Gerbstoffen, die den Blutfluss hemmen. Die Gerbstoffe im Verbund mit Flavonoiden, Cumarinen, Phenolcarbonsäuren, Naphthochinone und weiteren Stoffen werden wohl auch verantwortlich gewesen sein, dass bereits Dioskurides im ersten Jahrhundert n. Chr. den Vogel-Knöterich gegen Cholera empfahl, was der Pflanze den Namen Cholerakraut eintrug. Überwiegend umfasst das Einsatzgebiet des Theegrases, Lungen- oder Harmgrases andere Krankheitsbilder: Erkältungen, leichte Katarrhe der Atemwege, Mund- oder Rachenentzündungen, Harnwegebeschwerden. Laut HMPC gehört Vogel-Knöterich zu den traditionellen pflanzlichen Arzneimitteln.

Üblich ist die Zubereitung eines Aufgusses aus frischem oder getrocknetem, blühendem Vogel-Knöterich. 1 EL frisches bzw. 1 TL getrocknetes Kraut wird fein zerkleinert und mit 150-200 ml kochendem Wasser übergossen. Nach 5-10 Minuten Ziehzeit filtert man ab und trinkt den mild grasig-erdig schmeckenden Tee, zwei- bis dreimal täglich. Bei Rachenentzündungen wird mit diesem Tee gegurgelt, wenn er lauwarm ist.
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